Kampf gegen Leukämie : Genetischer Zwilling will Leben retten

Alexander Podlasly (20) will in Berlin für einen krebskranken genetischen Zwilling seine Stammzellen spenden.
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Alexander Podlasly (20) will in Berlin für einen krebskranken genetischen Zwilling seine Stammzellen spenden.

Alexander Podlasly (20) aus Tungendorf fährt zur Knochenmarkspende nach Berlin. Seine Stammzellen sind für einen leukämiekranken Menschen

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01. Juli 2015, 12:00 Uhr

Neumünster | Eigentlich wollte er nicht so viel Aufhebens darum machen, weil es doch „selbstverständlich ist, dass man hilft“. Aber dann erklärte sich Alexander Podlasly doch zum Gespräch mit dem Courier bereit: „Vielleicht ermuntert es ja andere, sich ebenfalls registrieren zu lassen.“

Der 20-jährige Neumünsteraner, der beim Samariterbund (ASB) in Kiel eine Ausbildung zum Bürokaufmann macht, zögerte jedenfalls keinen Moment, als ihn vor zwei Monaten der Brief von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) aus Berlin erreichte. Ob er noch zu seiner Spendenbereitschaft stehe, wollte die DKMS von ihm wissen und hatte gleich drei Röhrchen für die obligatorischen Blutproben beigelegt. Zwei Stunden später war alles klar. Der junge Neumünsteraner hatte seinen Arbeitgeber eingeweiht und saß noch am selben Tag zur Blutentnahme beim Hausarzt. Irgendwie mache es ja auch ein wenig stolz, helfen zu können: „Ich wollte dabei sein“, sagt der Tungendorfer.

Die DKMS hatte in ihm einen berühmten „genetischen Zwilling“ gefunden. Soll heißen: Irgendwo auf der Welt gibt es einen Mann, eine Frau oder ein Kind, das darauf hofft, mit einer Stammzellenspende genau dieses einen Menschen mit ähnlichen Erbanlagen den tödlichen Kampf gegen den Blutkrebs doch noch gewinnen zu können.

Was Alexander Podlasly als gesuchtem Helfer einen Glücksmoment beschert, dürfte für seinen unbekannten Zwilling so etwas wie ein Lottogewinn sein. Zwar sind in der weltweiten Datei der DKMS inzwischen rund 5,4 Millionen potenzielle Knochenmarkspender registriert, aber nur für knapp 50 000 Fälle konnten die Mediziner bislang den passenden Spender ausfindig machen. Die Suche nach dem genetischen Zwilling gleicht damit der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.

Umgekehrt erhält allein in Deutschland alle 16 Minuten ein Patient die immer noch oft tödliche Diagnose Blutkrebs. Besonders tragisch: Auch Familienmitglieder kommen – trotz der engen Verwandtschaft – nur in jedem dritten Fall als Spender in Frage.

Auch Alexander Podlasly kennt die Zahlen, seit er seine Schwester vor drei Jahren zu einer Typisierungsaktion in die IGS Brachenfeld begleitete. Damals rollte in Neumünster eine Welle der Hilfsbereitschaft für den an Leukämie erkrankten Dominik Bahr (20) an (der Courier berichtete). Der Fall berührte den damals 17-Jährigen so stark, dass er sich fest vornahm, sich nach seiner Volljährigkeit sofort als Spender aufnehmen zu lassen. Drei Monate nach seinem 18. Geburtstag setzte er sein Versprechen um und ließ sich von der DKMS ein Registrierungsset schicken. Ein harmloser Wangenabstrich, das war’s. „Damit habe ich jedenfalls meinen Beitrag dazu geleistet, dass sich Spender und Krebskranke finden können und so Leben gerettet werden kann“, sagt Alexander Podlasly.

Dass es nur zwei Jahre später tatsächlich ernst werden könnte, hätte er allerdings nie gedacht, sagt der Tungendorfer. Nach einer intensiven Beratung durch DKMS-Mediziner hat er sich inzwischen für die sanftere Methode der Spende entschieden. Dabei werden die begehrten Stammzellen nicht mehr operativ aus den Beckenknochen entnommen, sonder ähnlich wie bei einer Blutwäsche oder einer Blutplasmaspende aus dem Blutkreislauf herausgefiltert.

Heute wird er in Berlin noch einmal zur eigenen Sicherheit auf Herz und Nieren gecheckt, bevor es am 29. Juli endlich soweit sein soll, ebenfalls in Berlin. „Bauchschmerzen“ angesichts des bevorstehenden Eingriffs hat der Tungendorfer nicht: Die Situation mit der Kanüle im Arm auf der Spenderliege kenne er ja vom Blutspenden im FEK. Nur, dass es in Berlin etwas länger dauere. Bis zu acht Stunden kann sich die Stammzellenentnahme hinziehen. „Vielleicht kann ich ja Musik hören“, hofft er. Die Sache sei die Zeit jedenfalls wert.

In wessen Schicksal Alexander Podlasly mit seiner Entscheidung möglicherweise eingreift, wird der Tungendorfer frühestens in zwei Jahren erfahren. Erst dann erlauben die Regeln der DKMS einen ersten Briefkontakt zwischen Spender und Spendenempfänger – wenn beide Seiten damit einverstanden sind. Alexander Podlasly hofft darauf: „Im Endeffekt ist es natürlich egal, wem man hilft, aber neugierig bin ich natürlich schon.“

STANDPUNKT

von Jens Bluhm

 Wer jemals erlebt hat, wie ein Mensch mit Blutkrebs nach langen Kampf dann doch zugrunde geht, wird  das sein Leben lang nicht vergessen. – Das sollten wir auch nicht.

Wohl aber können und dürfen  wir gegen das schlechte Gewissen angehen, das uns beschleicht, wenn  wir mal wieder   klammheimlich einer höheren Instanz danken, dass das Schicksal nicht uns selbst ausgesucht hat. Das Rezept dafür ist  denkbar einfach. Über wenige Clicks im Internet kann man sich beispielsweise bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) als Spender registrieren lassen: www.dkms.de. Wer es geschafft hat, fühlt sich gleich besser. Er kann mit gutem Gewissen sagen: Ich biete meine Hilfe an. Und das tut gut! 

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