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Holsteinischer Courier

18. August 2017 | 16:58 Uhr

Gelungener Saison-Abschluss

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Der Untergang der Titanic“ sprach Verstand und Gefühl an / Applaus von 300 Zuschauern

Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) nannte sein wortgewaltiges und gesellschaftskritisches Versepos „Der Untergang der Titanic“ (1978) eine „Komödie in 33 Gesängen“. Das Landestheater Schleswig-Holstein nennt seine Adaption des Textes ein „revueartiges Endspiel“. Regisseur Wolfram Apprich gelang es, diese sich scheinbar ausschließenden Begriffe und intellektuellen Ansätze zu einer dramaturgischen Einheit zusammenzufügen, hervorragend unterstützt von dem sehr homogenen Schauspielerensemble und dem feinen, kleinen Bordorchester an Geige, Cello und Piano.

In ausgewählten, neu gruppierten, kommentierten und aktualisierten Monologen, Dialogen und kompakten Ensemblenummern kam der politisch engagierte Dichter Enzensberger, der den „Mythos Titanic“ dazu benutzte, um die gescheiterten Hoffnungen der revolutionären 60er-Jahre ironisch zu kommentieren, ausreichend zu Wort. Apprich verlängerte Enzensbergers Intention geschickt bis in die Gegenwart und stellte neun Typen auf die Bühne, die auf Grenzsituationen voller Schrecken, Hoffnung, Sehnsucht, Verzweiflung, Fatalismus, Todesangst reagieren müssen – ganz realistisch, aber auch mit Zynismus und schwarzem Humor. In diesen Szenen wird der Endspielcharakter greifbar, der durch die zahlreichen sehr gut interpretierten revueartigen Musiknummern einen Kontrapunkt zum tragischen Geschehen erfährt. Die Emotionen übertrugen sich auch auf die aufmerksamen 300 Besucher, die nach 90 Minuten allen Mitwirkenden zustimmend applaudierten.

Das Publikum erlebte nicht den Untergang des für „unsinkbar“ gehaltenen technischen Wunderwerks „Titanic“ am 14. April 1912 kurz vor Mitternacht im eisigen Nordmeer. Es sah Figuren – alle schon ertrunken, die als Untote auf dem kieloben liegenden Wrack (sehr gelungenes Bühnenbild von Martin Fischer) immer wieder Erinnerungen, Emotionen, Visionen, Niederlagen, Todesängste durchleben müssen.

Die großartig choreografierte Körpersprache der Darsteller, Musik, Geräusche, Slapstick- und Revueelemente verbanden sich zu einer schaurigen Apokalypse des Untergangs. Daraus schälten sich Einzelschicksale, die aus verschiedenen Perspektiven ihre Gedanken mitteilten. Zur Schiffsbesatzung gehörten der glücklose Kapitän (Jürgen Böhm), der sich mit dem rockigen Song „Born to be wild“ Luft machte; der clowneske Heizer (Uwe Kramer); der Oberkellner (Stefan Wunder), der die Schönheiten der Salons beschrieb und die Köchin (Ingeborg Losch) in ihrer „Kombüse“. Hervorragend auch die Frackträger der Luxusklasse: der Banker (Reiner Schleberger), der genau wusste: „Money makes the world go around“ und der Zyniker René Rollin, der nach der Warnung „Aktualisierung!“ der Sorge Ausdruck gab, dass die politisch Handelnden das Landestheater zum Kentern oder bereits zum Untergang freigegeben hatten.

Starke Auftritte hatten der verzweifelte Utopist und Revoluzzer (Johannes Fast) und die elfenhafte Ertrinkende (Thyra Uhde), die sehr berührend den Song „Imagine“ (Lennon/Ono) sangen. Dann befand sich noch die „Sirene“ Cornelia Lanz auf dem Wrack, die als fesche Revuesängerin und als Stimme aus fernen Welten alle Register zog. „Der Untergang der Titanic“, eine Aufführung, die Verstand und Gefühl ansprach und durch die geschlossene Leistung aller Akteure sehr beeindruckte, beendete die Theatersaison 2013/14.



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