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Trotz Handicap : Gehörlose Kollegin: Gebärden-Gruß im Büro

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Birthe Steinke (45) ist die erste gehörlose Mitarbeiterin bei den Stadtwerken / Datenerfassungs-Arbeitsplatz wurde extra eingerichtet / Organisiert hat das der Integrationsfachdienst der Brücke

shz.de von
erstellt am 22.Sep.2015 | 07:15 Uhr

Neumünster | Wenn Birthe Steinke ins Büro kommt, sagt sie nicht „Moin“ oder „Hallo“. Sie formt Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis und hebt die Hände nach oben. Das heißt in Gebärdensprache „Guten Tag“. Ihre Kolleginnen grüßen fröhlich zurück – ebenfalls mit Handzeichen. Denn Birthe Steinke ist gehörlos. Doch auch mit Handicap kann sie problemlos arbeiten – als Datenerfasserin bei den Stadtwerken. Sie ist die erste gehörlose Mitarbeiterin der Firma. Organisiert wurde ihr Job vom Integrationsfachdienst (IFD) der Brücke Neumünster.

„Ich wollte unbedingt arbeiten, und es hat mich sehr gefreut, dass es mit den Stadtwerken geklappt hat. Der Fachdienst hat mir dabei sehr geholfen, ohne ihn wäre das nicht gegangen“, sagt die 45-jährige Ruthenbergerin – mit Gebärden. Denn extra zum Termin ist Gebärdendolmetscher Hardy Möller (56) aus Lübeck von der Dolmetscherzentrale des Gehörlosenverbandes Kiel gekommen und übersetzt. Den Arbeitsplatz „erfochten“ hat Gabriele Schneidereit, Sozialarbeiterin beim Integrationsfachdienst, der im Auftrag des Integrationsamtes des Sozialministeriums arbeitet und im ganzen Land Filialen hat.

Ganz so einfach wie es scheint, war es allerdings nicht, den Arbeitsplatz für Birthe Steinke einzurichten, sagt sie. „Sie ist gelernte technische Zeichnerin und hat früher bei den Stadtwerken Delmenhorst gearbeitet. Ihr Wunsch war es, im Büro zu arbeiten“, sagt Gabriele Schneidereit. Nach einer Initiativbewerbung im April gab es ein Vorstellungsgespräch. Frank Wede, Leiter des Privatkundenvertriebs, wollte einen Arbeitsplatz nicht über die Köpfe der zukünftigen Kollegen einrichten. „Doch die Kollegen haben sich offen und positiv eingestellt gezeigt, auch wenn es ein bisschen eine Reise ins Ungewisse war“, sagt Wede. Vereinbart wurde ein Praktikum, dann eine dreimonatige Probebeschäftigung. Mit Hilfe des Gebärdendolmetschers wurde Birthe Steinke eingearbeitet – sie scannt und digitalisiert Verträge. Der Arbeitsplatz wurde extra für sie geschaffen – und auch als gehörlose Mitarbeiterin ist sie eine „vollwertige Teamkollegin“, wie Wede betont. Aber: „Kommunikation ist die Herausforderung. Daher wollten die Kollegen Grundausdrücke der Gebärdensprache lernen“, sagt Wede. So können diese jetzt „Wie geht es Dir?“ oder „Guten Tag“ oder „Guten Abend“ gebärden. „Das ist schon eine Herausforderung, aber auch neu und aufregend. Hut ab vor ihr“, sagt Kollegin Peggy Laudan (30). Birthe Steinke ist an die Öffentlichkeit gegangen, um anderen Menschen Mut zu machen: „Ich möchte das unterstützen, damit auch andere Gehörlose einen Arbeitsplatz bekommen. Die Kollegen sind sehr nett.“

Wenn ein Arbeitnehmer gehörlos ist, muss einiges berücksichtigt werden, erklärt Wede. Birthe Steinke sitzt bewusst nicht allein im Büro, schaut auf die Tür, hat im Fall des Falles eine Warnweste mit durchgestrichenen Ohren an und wird bei Feueralarm von ihren Kolleginnen als erste hinausgeleitet, da sie den Alarm ja nicht hört.

Der Fachdienst begleitet sie weiterhin. „Unser Ziel ist es, Schwerbehinderte in Arbeit zu vermitteln. Wir beraten und begleiten unsere Klientel auf der Arbeit, haben aber auch Projekte beim Übergang von Schule zum Beruf und helfen schwerbehinderten Kindern bei der Berufsorientierung“, sagt Gabriele Schneidereit. In sechs Jahren wurden zehn Gehörlose an Firmen in Neumünster und Kiel vermittelt. Andererseits berät der Fachdienst auch Betriebe, wie ein solcher Arbeitsplatz umzusetzen ist.

Neu ist eine offene Sprechstunde des IFD für Menschen mit Schwerbehinderungen zum Thema Beruf und Arbeitsplatz: Ab Oktober findet sie jeden ersten Dienstag im Monat von 16 bis 18 Uhr an der Wrangelstraße 12 statt.

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