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Vor Gericht : Gab der Vater seiner Tochter Gift?

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wegen versuchten Mordes muss sich ein Mann aus dem Kreis Segeberg in Potsdam vor dem Landgericht verantworten.

Neumünster/Potsdam | Zwölf Mal soll ein Vater (36) seiner kleinen Tochter einen Giftcocktail eingeflößt haben. Das kleine Mädchen überlebte nur mit knapper Not und Dank guter Ärzte. Seit gestern muss sich der Mann aus der Nähe von  Neumünster in Potsdam (Brandenburg) wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht verantworten.

Die Taten begannen laut Anklage Mitte März vergangenen Jahres in der Nähe von Neumünster in einer 2000-Einwohner-Gemeinde im Kreis Segeberg, wo die Familie damals wohnte. Vier Mal soll der Vater laut Anklage der damals acht Monate alten Emelie zu Hause Gift verabreicht haben. Weil es dem Kind so schlecht ging, kam es schließlich ins Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK). Auch dort soll der Vater weitergemacht haben – ebenso später während eines Reha-Aufenthalts in Brandenburg, wo die Taten schließlich entdeckt wurden. Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass das Kind einer neuen Beziehung im Weg stand.

Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe und schilderte sich selbst als  besorgten Vater. „Ich liebe meine Kinder“, sagte der Tierpfleger. Ohne die Mutter des Mädchens direkt zu bezichtigen, versuchte er, den Verdacht auf sie zu lenken. „Ich weiß, dass ich meiner Tochter nie etwas antun könnte“, erklärte der unscheinbare Mann mit Halbglatze. Als Täterin komme nur seine Ex-Partnerin in Frage.

Fakt ist: Hinter Emelie liegt ein Martyrium. Über mehrere Wochen wurde dem  Mädchen 2014 ein Gift-Cocktail verabreicht. Das Kind fiel ins Koma und schwebte in Lebensgefahr. Nach der Festnahme des Vaters Anfang Juli erholte es sich. Für die Staatsanwaltschaft ist die Sache klar: Der Angeklagte habe seiner Tochter zwischen dem 19. März und dem 29. Juni  Desinfektionsmittel oder zitronensäurehaltige Reinigungsmittel gegeben. Selbst als sein Kind im Krankenhaus lag und sich im „lebensbedrohlich komatösen Zustand“ befand, soll der Mann nicht damit aufgehört  haben.

Das Motiv klingt ungeheuerlich: Die Tochter sei eine Belastung für den 36-Jährigen gewesen und habe ihm bei einer neuen Beziehung im Weg gestanden, so Staatsanwalt Gerd Heininger.

Weil sie nicht mehr zunahm und wuchs, war Emelie ab März 2014 immer wieder ins Krankenhaus gekommen. Erst lag sie in Neumünster. Maren von Dollen, Sprecherin des FEK, erklärte auf Nachfrage, dass ein Oberarzt der Kinderabteilung als Zeuge zum Prozess geladen sei. Später, als sich während einer Kur der Zustand erneut verschlechterte, kam das Mädchen  in Brandenburg an der Havel in die Klinik. Dort schöpften die Ärzte Verdacht: Der Zustand des Mädchens verschlechterte sich immer im Beisein der Eltern. Die Ärzte vermuteten ein sogenanntes Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Dabei macht ein Mensch einen anderen bewusst krank oder täuscht eine Krankheit vor, um Zuwendung zu erreichen. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise misshandeln.

Anfangs ermittelte die Staatsanwaltschaft Potsdam auch gegen Emelies Mutter, doch später konzentrierte sich der Verdacht auf den Vater. Er sitzt seit Anfang Juli 2014 in Untersuchungshaft. Das Paar, das noch einen gemeinsamen Sohn hat, ist inzwischen getrennt.

Nach der Schilderung des Angeklagten wollte seine Ex-Partnerin das zweite Kind nicht. Zu dem Sohn habe die Frau eine innigere Beziehung gehabt als zur Tochter. Sich selbst schilderte der Angeklagte als fürsorglichen Vater. „Sie lag da. Ich war hilflos. Ich konnte nur ihre Hand halten“, beschreibt er die Situation im Krankenhaus.

Die kleine Emelie wird als Nebenklägerin in dem Prozess geführt. Ihre Rechtsanwältin Manuela Krahl-Röhnisch zeigte sich von der Aussage des Vaters nicht überrascht: „Er versucht, sich von den Vorwürfen reinzuwaschen.“ Die Mutter sei nachweislich zu einigen der in Rede stehenden Zeitpunkte nicht bei ihrem Kind gewesen. Nach Angaben der Anwältin wollte die Frau die Beziehung beenden.

Dem Mädchen gehe es inzwischen wieder gut, erzählte die Juristin. „Es ist sehr aufgeweckt“, berichtete sie. Die Kleine war  zunächst zu einer Pflegefamilie gekommen. Inzwischen lebt sie in der Nähe von Hamburg bei ihrer Mutter, die das Sorgerecht hat. „Sie hat einen gesunden Appetit, wie eine kleine Raupe Nimmersatt“, so die Anwältin.

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erstellt am 04.Mär.2015 | 07:30 Uhr

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