Selbstmord oder Überfall? : Fuß abgefahren: Bahnopfer wendet sich an RTL

Erstes Zusammentreffen: Marcel (rechts) sah seinen Ersthelfer von damals, Christopher Lausen (links), zum ersten Mal wieder. Reporterin Dorothee Dahinden hatte das Treffen für die Aufnahmen mit Jan Müller (Kamera) und Jan Steffensen (Ton) arrangiert. Foto: Post
1 von 3
Erstes Zusammentreffen: Marcel (rechts) sah seinen Ersthelfer von damals, Christopher Lausen (links), zum ersten Mal wieder. Reporterin Dorothee Dahinden hatte das Treffen für die Aufnahmen mit Jan Müller (Kamera) und Jan Steffensen (Ton) arrangiert. Foto: Post

Ein junger Wasbeker schildert für das Magazin "Punkt 12", wie ihn die Polizei nach einem Zusammenstoß mit dem Zug für einen Selbstmörder hielt. Er selbst spricht von einem Überfall.

Avatar_shz von
18. November 2011, 09:51 Uhr

Neumünster | Das Opfer des rätselhaften Bahnunglücks im Stadtwald vom 21. Februar lässt nicht locker. Um nicht länger als Selbstmörder dazustehen, geht der junge Mann (19) aus Wasbek jetzt einen Schritt weiter in die Öffentlichkeit: Nachdem der Holsteinische Courier bereits über den Fall berichtet hatte, wird auch im RTL-Magazin "Punkt 12" ein Einspiel-Film darüber gezeigt. Während der Dreharbeiten traf das Opfer erstmals wieder auf den Mann, der kurz nach dem Unglück erste Hilfe geleistet hatte.
Im August war im Holsteinischen Courier ein Artikel über den Fall unter dem Pseudonym "Nils Schulte" erschienen. Im Film nennt er nun seinen Vornamen: Marcel. Auch sein Gesicht ist zu sehen. "Ich möchte zeigen, dass bei mir alles wieder in Ordnung ist", sagt er dazu. Mit seinem Familiennamen gibt er sich jedoch nicht zu erkennen. Zu groß ist seine Sorge, dass er erneut angegriffen wird.
Überfallen und auf Gleise gelegt?
Rückblick: Marcel verlor am 21. Februar 2011 seinen linken Fuß, als ihn ein AKN-Zug um 19.17 Uhr auf dem Fußgänger-Bahnübergang im Stadtwald überfuhr. Er glaubt, dass ihn Unbekannte überfallen und auf die Gleise gelegt haben, kann sich aber an die genauen Geschehnisse nicht erinnern. Der Polizei und der Staatsanwaltschaft wirft er vor, nur in Richtung Suizidversuch ermittelt zu haben.
"Ich möchte, dass die Akte wieder geöffnet wird, damit ich nicht länger als Selbstmörder gelte", sagt Marcel. Deshalb sei er im August zur Zeitung gegangen und habe nun den Filmaufnahmen zugestimmt, nachdem die Kieler Produktionsfirma JMD-Pictures durch den Bericht auf seinen Fall aufmerksam geworden war.
Zum Wohnhaus geschleppt
Den Film von rund neun Minuten Länge drehten ein Kamerateam und die Reporterin Dorothee Dahinden mit Marcel am Bahnübergang, mit seinem Anwalt und seinem Psychologen. Es kam auch zu einem Treffen mit dem Ersthelfer Christopher Lausen (24). Der wohnt an der Stettiner Straße, ein paar hundert Meter vom Bahnübergang entfernt. Dorthin hatte sich Marcel nach dem Unglück schwer verletzt geschleppt. Im Fernseh-Interview schildert Lausen, was aus seiner Sicht an dem Abend passiert war. "Ich bin damals durch laute Rufe auf dem Laubengang aufmerksam geworden."
Sein Nachbar habe Marcel mit dem stark blutenden Bein hereingelassen, nachdem der bei einer Frau zwei Türen weiter abgeblitzt war. "Ich habe im Wohnungsflur sofort die Erstversorgung vorgenommen", sagt Christopher Lausen. Marcel habe laut geschrien, dass ihm kalt sei, und nach seinen Sachen verlangt - Jacke, Brille, Handy. "Ich kenne ihn zwar nicht so gut, aber ich glaube nicht, dass es ein Selbstmordversuch war", sagt der Lkw-Mechatronik-Lehrling. Marcel stehe schließlich voll im Leben, sei eine Kämpfernatur. "Wer schafft es schon mit so einer schweren Verletzung 300 Meter weiter?", so der Vater eines Sohnes (2).
Notruf gewählt
Ein Sendetermin für den Film steht noch nicht fest. Ob der Beitrag hilft, damit der Fall wieder aufgerollt wird, ist fraglich. Der Kieler Staatsanwalt Carsten Ohlrogge nimmt die Ermittlungen erst wieder auf, wenn neue Fakten hinzukommen. Nach wie vor bestehen einige Ungereimtheiten. So hat Marcel 14 Minuten vor dem Unglück auf dem Bahnübergang den Notruf gewählt.
Über den Anruf in der Leitstelle gibt es laut Marcel ein offizielles Protokoll. "Darin steht schwarz auf weiß, dass ich meinen Namen gesagt habe", so Marcel. Zudem sei protokolliert, wie er dem Beamten atemlos mitteilte, dass er im Stadtpark von Neumünster gejagt werde. In einem anderen Protokoll stehe die Aussage des Lokführers, der kurz vor dem Aufprall in seinem Fernlicht Bewegungen von anderen Personen im Wald gesehen habe. Diesen beiden Punkten widerspricht der Staatsanwalt. Der Notruf sei nicht verständlich gewesen, und der Lokführer habe niemanden gesehen. Deshalb geht der Staatsanwalt weiter von einem Selbstmordversuch aus und stellte die Ermittlungen ein.
Marcel hofft nun, dass die inzwischen eingetroffenen ärztlichen Gutachten den Staatsanwalt umstimmen. Darin distanzieren sich die Ärzte klar von einem Suizidversuch. Hat Marcel damit Erfolg, rückt er seinem Ziel ein Stück näher: Wenn er als Opfer eines Verbrechens anerkannt wird, kann er mit Leistungen seiner Unfallversicherung und des Opferentschädigungsgesetzes rechnen. Doch am wichtigsten wäre es ihm, wenn die Angreifer des Februarabends gefasst würden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen