Tschernobyl-Kinder : Fröhlicher Abschied trotz großer Sorge

Inbrünstig sangen die Kinder mit der Hand aufs Herz zu Beginn des Festes ihre Nationalhymne.
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Inbrünstig sangen die Kinder mit der Hand aufs Herz zu Beginn des Festes ihre Nationalhymne.

25 Tschernobyl-Kinder feierten Abschied mit einem bunten Programm, doch die Krise in der Ost-Ukraine ist immer wieder Thema.

shz.de von
11. August 2014, 05:00 Uhr

Neumünster | Die ausgelassenen Stimmung wurde durchaus überschattet von tiefer Sorge: Wenn die 25 jungen Patienten aus der Ukraine nach ihrem vierwöchigen Kuraufenthalt in Neumünster morgen Abend wieder gen Heimat fliegen, kommen sie zurück in eine unruhige Region. Immer wieder kommen Hiobsbotschaften aus dem Krisengebiet im Osten. Insbesondere die Erwachsenen sind deshalb besorgt. Außerdem wurden bei zwei Kindern in Neumünster weitere gesundheitliche Probleme diagnostiziert.

Doch am Sonnabend hatten beim Abschiedsfest in der Fröbelschule alle erst einmal Grund zum Feiern. Und das taten vor allem die Kinder: Sie tanzten, hüpften, sangen inbrünstig Lieder aus der Ukraine und priesen Gott.

„Vor vier Wochen waren die noch nicht so fit“, sagte Reha-Kur-Organisatorin Eberhardine Seelig lächelnd vor rund 70 Gästen. „Alle hatten eine schöne Zeit, keines der Kinder hatte Infekte“, freute sich Eberhardine Seelig. Die Kompakt-Kur mit Obst und Gemüse satt, schönen Erlebnissen und kreativen Angeboten hat den Kindern Lebenslust und Hoffnung vermittelt.

Sorge machen zwei Kinder: Nach Röntgenaufnahmen im FEK hat sich herausgestellt, dass sie nicht an Osteoporose, sondern an Nekrose an der Hüfte und am Fußgelenk leiden. „Aufgrund fehlender Durchblutung stirbt das Gewebe ab, das muss operativ entfernt und künstliche Gelenke eingesetzt werden. Das kann nur von Spezialisten gemacht werden“, erklärt Seelig.

Mit dem Fest, das traditionell mit inbrünstig gesungenen Nationalhymnen eröffnet wurde, dankten die Kinder Helfern und Sponsoren. Im Mittelpunkt stand eine mit Blumen geschmückte Braut, die einen ungeliebten Mann heiraten soll, und am Ende doch einen anderen wählt. Irena (13), Maxim (13) und Alexander (15) spielten das Trio. Dazu zeigten die anderen Kinder folkloristische Tänze, ein Klingel-Konzert und Solo-Einlagen. Das Publikum raunte, als die großen Jungs ihre Kraft-Übungen mit Hinfallen, Abrollen und Ringkämpfen zeigten – trainiert von Bernd Frenz.

Nach dem Fest ist Kofferpacken angesagt; die Bordkarten für den Rückflug sind schon im Gepäck. Die Ukraine-Krise ist Gesprächsthema bei den Erwachsenen. „Die Lebenssituation ist sehr bedrohlich“, so Eberhardine Seelig, die einen Gruß vom Generalkonsul Yuriy Yarmilko überbrachte: „Er wünscht eine gute Heimreise und viel Gesundheit.“

Einzelschicksale lassen das Geschehen ganz nah rücken: Ute Anger (59) und ihr Mann Jens (66) aus Molfsee sind Paten von Iwan Rylchikow (18), der vor zwei Jahren in Neumünster war. Iwan lebt in Lugansk in der Ost-Ukraine, einem Brennpunkt der militärischen Auseinandersetzungen. Per E-Mail stehen die Angers mit ihm in Kontakt. „Er konnte flüchten, ist jetzt bei Oksana Wlasenko in Poltawa in Sicherheit, einer Betreuerin der Reha-Kur“, erzählen sie. Iwans Mutter, die wie ihr Sohn an Krebs erkrankt ist, ist aus Furcht vor Plünderungen geblieben. Ihr Schicksal ist ungewiss, da die Telefonleitungen gekappt sind. Iwan weiß nicht, wie es ihr geht. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. Die Angers machen sich große Sorgen. „Von den 50 Euro pro Monat konnte sich die Familie ein Bad einrichten, jetzt wird das Geld für die Behandlung der Mutter verwendet, falls es Frieden gibt. Aber die Lage ist sehr undurchsichtig“, sagen sie betrübt.




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