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Kinobühne : Freistatt – eine Hölle auf Erden

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der ergreifende Film beschreibt das Martyrium ehemaliger Fürsorgezöglinge in den 60er-Jahren. Ein Zeitzeuge berichtete auf der Kinobühne.

Neumünster | Es ist ein mutiger Film über ein Stück dunkle deutsche Geschichte – und am Ende des Filmes „Freistatt“ von Regisseur Marc Brummund war es absolut still auf der Kinobühne im Stadttheater. Teilweise verstörend, bedrückend, was die 80 Gäste über das Leben von Jugendlichen in der von der Diakonie geführten geschlossenen Einrichtung „Freistatt“ (so auch der Titel des Films) im niedersächsischen Kreis Diepholz an „Jugendführsorgeerziehung“ bis in die Mitte der 70er-Jahre erdulden mussten. Es gab in Westdeutschland 3000 dieser Einrichtungen mit rund 800 000 „Fürsorge-Bedürftigen“.

Vor Beginn des Films warnte Wolfgang Rosenkötter, der selbst dreieinhalb Jahre Freistatt erleben musste und im Mittelpunkt der Filmgeschichte steht: „Sie müssen harte Kost verdauen.“

So war es denn auch. „Sechs Tage in der Woche acht Stunden harte Arbeit im Moor, sonntags Kirchgang, sonst gab es nichts“, schilderte Rosenkötter den Alltag. „Von früh bis spät waren wir von prügelnden, zum Sadismus neigenden Betreuern umgeben.“ Ihrer Menschenwürde beraubt, von ständigen Demütigungen umgeben, von jeder Bildung ausgeschlossen, mussten die Zöglinge Körperverletzungen, Niedertracht und Misshandlungen erdulden. Selbst Mordversuche wie das Unterwassertauchen durch den „Hausvater“ oder ein lebendiges Begräbnis durch einen „Bruder“ (so die Dienstbezeichnung der Betreuer) gehörten zur Tagesordnung. „Es ist meine Heimgeschichte eins zu eins“, beteuerte Wolfgang Rosenkötter auf ungläubiges Nachfragen, ob das alles wirklich so gewesen sei. Er selbst habe diese Zeit aus Selbstschutz über 40 Jahre verdrängt, sagte der ehemalige Heiminsasse. Inzwischen hat er mehr als 70 Vorstellungen des Filmes begleitet. Es sei für ihn ein Stück Therapie, meinte der Zeitzeuge. Wichtig sei ihm: „Die Menschen müssen wissen, dass so etwas passiert ist, die Entmündigung und täglichen Misshandlungen. Damit es so etwas nie wieder gibt.“Viel zu lange sei dieses dunkle Kapitel vertuscht worden, „niemand hat uns geglaubt“.

Die Besucher der Vorstellung zeigten sich von Film und Kommentierung tief betroffen: „Absolut beeindruckend, identisch, ein sehr mutiger Film“, lobte etwa Zuschauer Dietmar Höret.




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erstellt am 24.Mär.2016 | 12:00 Uhr

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