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Holsteinischer Courier

22. November 2017 | 23:26 Uhr

Bordesholm : Frei von kirchlicher Nabelschau

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu las in der Klosterkirche in Bordesholm aus seinem Roman „Evangelio“.

Bordesholm | Düsternis und Leid, Dreck und Angst, Aberglaube, Schmerzen und harte Kerle bestimmten die Szenerie, in die am Mittwochabend rund 150 Besucher in Bordesholm freiwillig und gerne eintauchten. Denn wer das dunkle Szenario schilderte, war der mehrfach preisgekrönte Autor Feridun Zaimoglu. Der Kieler Schriftsteller las etwa zwei Stunden aus seinem neuen Roman „Evangelio“ und tauchte dafür tief ab ins Mittelalter.

Der Titel deutet es schon an und das Erscheinungsjahr gibt der Ahnung recht: Es geht um Martin Luther. Der Roman erzählt das eine Jahr von 1521 bis 1522, in dem der Reformator auf der Wartburg in Eisenach in Gewahrsam genommen wurde und in nur zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzt hat.

Der Ort, an dem Zaimoglu vorlas, hätte besser nicht sein können und trug viel zur atemberaubenden Spannung der Lesung bei, denn die Zuschauer saßen im Altarraum der Klosterkirche.

Der Raum wurde überwiegend von Kerzen und nur wenigen elektrischen, sanft gedimmten Lampen ausgeleuchtet, die ein beeindruckendes Schattenspiel an die hohen Mauern und das Kreuzrippengebälk der gotischen Kirche warfen. Vor allem aber konnte man ein wenig von der Dunkelheit des Mittelalters ahnen, in der Martin Luther lebte.

Zaimoglu erwies sich als exzellenter Vorleser, der mit Stimme und Rhythmik den beklemmenden Inhalt zu einer lebhaften Illusion machte. „Ich versuche, szenisch zu lesen. Wenn ich vorlese, bin ich in der Geschichte drin. Ich schaue nicht hoch und lege das Buch auch nicht zur Seite für Erläuterungen“, erklärte der Autor in der Pause.

Im Roman gibt es einen fiktiven Landsknecht Burkhard, der als Leibwächter Luthers arbeitet und als Ich-Erzähler dem Leser die Person Luthers näher bringt.

So sagt Burkhard zum Beispiel über Luther: „Er ist verwegen im Lästern und schüchtern im Gebet.“ Und obwohl der Landsknecht ein Rauhbein ist – „sein Handwerk ist das Morden“, so der Autor – ist dessen Sprachniveau sehr hoch. Zaimoglu hat für den Roman ein Deutsch benutzt, das uns befremdet, zugleich aber wüst-mittelalterlich klingt. Das macht den hochspannenden Text nicht leicht zu verstehen.

So meinte auch die Besucherin Hanna Ticona aus Bordesholm: „Man muss sich konzentrieren, denn die Sprache ist anspruchsvoll. Aber mir gefällt die Lesung sehr gut und die Atmosphäre ist gelungen.“

Der muslimische Kieler Zaimoglu, der die Ehrenprofessur des Landes verliehen bekam, spricht von Martin Luther als „Meister“, denn: „Er war ein großer Denker, und die Bibel hat mich schon als Kind interessiert. Er meinte es ernst, und er war mutig. Er war sowohl ein Gelehrter, als auch einer, der an den Teufel geglaubt hat und auch rabiat werden konnte.“

Bordesholms Pastor Thomas Engel gefiel die Lesung sehr gut: „Zaimoglu gibt einen belebenden Blick, der frei ist von der innerkirchlichen Nabelschau.“

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