Unfalldienst Neumünster : Folie überführt Unfallflüchtige

Inga Näthke, Leiterin des Verkehrsunfall-Ermittlungsdienstes, nimmt mit der Spezialfolie schnell und einfach Spuren an einem Auto auf.
Inga Näthke, Leiterin des Verkehrsunfall-Ermittlungsdienstes, nimmt mit der Spezialfolie schnell und einfach Spuren an einem Auto auf.

Mit einem speziellen Klebestreifen können Polizisten Verursacher von Blech- oder anderen Sachschäden feststellen.

shz.de von
23. Januar 2018, 08:00 Uhr

Neumünster | 2012 waren es noch 590 Fälle, 2016 schon 801 – Tendenz 2017 weiter steigend. Doch die Zeiten für Unfallflüchtige in Neumünster werden härter. Seit Jahresbeginn ist jeder Streifenwagen in der Stadt mit einer neuen speziellen Sicherungsfolie ausgestattet. Damit können die Polizisten nicht nur Lack-, sondern auch viele weitere Spuren einfach und schnell aufnehmen. Erste Erfolge gibt es schon.

Inga Näthke, seit 2007 Leiterin des Verkehrsunfall-Ermittlungsdienstes, gibt ein Beispiel: „Ein Mann hatte angezeigt, dass sein Auto über Nacht beschädigt wurde. Durch die Analyse mit der Folie konnten wir feststellen, dass es sich um Holzspuren handelte. Schnell war klar, der Sohn hatte das Auto genommen und war gegen das heimische Carport gefahren. Weil er Angst vor der Reaktion seines Vaters hatte, vertuschte er den Unfall.“ Da keine Straftat vorlag, überließen die Beamten den Vorgang der Familie. Nicht immer entpuppt sich ein Fall aber als so „harmlos“. Ein anderer Autofahrer verneinte, einen Betonpoller umgefahren zu haben. Doch mittels der Folie konnte er eindeutig überführt werden. Erkennbar ist unter dem Mikroskop im Zweifel sogar die Fahrtrichtung.

„Früher wäre das deutlich schwieriger gewesen“, sagt Inga Näthke. Vor Ort wurden zwar Fotos gemacht, gemessen und untersucht, doch die kriminaltechnische Untersuchung fand in Kiel statt und dauerte nicht selten ein halbes Jahr. Nun kann den Beschuldigten unmittelbar nach dem „Abstrich“ unter dem Mikroskop am Computer das Ergebnis vorgeführt werden. „Man sieht relativ schnell, was zusammenpasst und was nicht“, sagt Inga Näthke. Und das noch wochenlang und auch nach mehreren Autowäschen.

Erfunden hat die Spezialklebefolie, die nun nach und nach in allen Bundesländern eingeführt wird, ein Gutachter aus Nordrhein-Westfalen – und zwar schon 2005. Der Überlieferung nach wurmte ihn, dass ein Angeklagter freigesprochen wurde, obwohl selbst der Verteidiger des Mannes von seiner Schuld überzeugt war. „Der Polizei fehlen halt verlässliche Methoden“, soll der Verteidiger nach dem Urteil gesagt haben. Das ist vorbei.

Mittlerweile hat die Folie schon große Abschreckungskraft. „Wenn die Leute sehen, wie wir auf diese Art Spuren sichern, überlegen sich einige, ob ihre zuvor gemachte Aussage stimmt“, sagt Inga Näthke. Das Grundprinzip der Sicherungstechnik basiert darauf, dass bei Ereignissen, bei denen zwei Stoffe mit einer gewissen Wucht aufeinander prallen, Material des einen Stoffes auf den anderen Stoff übertragen wird. Inga Näthke zitiert hierzu gerne den Pionier der Forensik, Edmond Locard. „Jede Berührung hinterlässt eine Spur“, formulierte der „Sherlock Homes von Frankreich“ schon Ende des 19. Jahrhunderts.

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