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Viel Arbeit : Flüchtlingsansturm auf die Bahnhofsmission

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Einrichtung von Diakonie und Caritas hatte viel zu tun. 11500 der knapp 25000 Hilfesuchenden waren Flüchtlinge.

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erstellt am 20.Jan.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Die Besucherzahlen bei der Bahnhofsmission sind im vergangenen Jahr förmlich explodiert: Gab es 2014 etwa 16 000 Besucher, waren es 2015 fast 24 800 Menschen. Fast 11500 von ihnen waren Flüchtlinge.  2014 waren es nur gut 700 – ein Anstieg um sagenhafte 1540 Prozent.

In den Räumen der Bahnhofsmission, einer  ökumenischen Einrichtung von Diakonie und Caritas, finden  Reisende oder Gestrandete Halt,  Hilfe und ein wärmendes Getränk.    „2015 war das  schon eine  Herausforderung“, sagt Gert Rathje, der Fachbereichsleiter für die Bahnhofsmissionen  bei der Diakonie Altholstein, mit einem dicken Lob für das ehrenamtliche Engagement.   Rathje, Angela Schmiedemann (Caritas) und Silke Tomzak (Diakonie) sind die wenigen Hauptamtlichen im Team. Die anderen 16 Mitarbeiter versehen ihren Dienst ehrenamtlich. „Wir verstehen uns als Kirche an einem besonderen Ort. Was wir tun, ist Gottes Dienst“, sagt Rathje, betont dabei aber den überkonfessionellen Charakter: „Wir sind für jeden Menschen da, ob arm ob reich, ob schwarz oder weiß, religiös oder auch nicht.“

Ab Juni stieg die Zahl der Flüchtlinge rapide an. „Im August war zu erkennen: Wir kommen gar nicht mit der Sprache zurecht. Englischkenntnisse allein reichen nicht  mehr aus“, sagt Rathje. Um so froher war er, mit dem Syrer  Said Ahmed und dem aus dem Jemen stammenden Taleb Al-zaje zwei Mitstreiter mit Arabisch als Muttersprache zu finden.  „Beide sind eine große Hilfe“, sagt Rathje.

Kaum treten die Dolmetscher mit der blauen Weste der Bahnhofsmission vor die Tür, werden sie auch schon  umlagert.  Das war auch gestern so. „Ich möchte helfen“, nennt Said Ahmed  seine persönliche Motivation.  Der 31-Jährige  engagiert sich nicht nur bei der Bahnhofsmission, sondern macht zurzeit auch ein Praktikum in der Kita Ruthenberger Rasselbande.

Nach  einer gewissen Entspannung im Dezember gehen die Zahlen laut Rathje jetzt wieder nach oben. „Wir betreuen hier weiter täglich Flüchtlinge“, sagt er. Viele seien recht unerfahren mit den deutschen Regeln im  Straßen- und Bahnverkehr. Rathje: „Da muss man schon mal die Leute davon abhalten, einfach über die Gleise zum anderen Bahnsteig zu steigen.“

Trotz des Flüchtlingsansturms sind die anderen Aufgaben nicht vernachlässigt worden. „Wir sind zuständig für jedes Ungemach, das passieren kann auf Reisen oder am Bahnhof“, sagt Rathje: „Das reicht von der verlorenen Fahrkarte über den Schwächeanfall bis hin zur Vermittlung einer Schlafgelegenheit in  Beratungsstelle  für Menschen in Wohnungsnot.“

Die Räume der  Bahnhofsmission bieten Fahrschülern einen Aufwärmraum für die Hausaufgaben. Allein reisende Kinder bekommen Begleitung; es  gibt Infos bei Verspätungen oder Zugausfällen, Hilfe beim Einstieg in die Züge. Rathje: „Es passiert immer etwas. Und dann sind wir hilfreich zur Stelle – ob mit einem Tee oder Kaffee, mit einem Gespräch oder Informationen.“  Die Aussage  seines Teams sei:  „Wir schaffen das – und das ist auch so“, sagt Gert Rathje.

Kommentar:

Täglich gelebte Nächstenliebe

„Wir schaffen das“ – das geflügelte Wort von Bundeskanzlerin Angela Merkel droht in der öffentlichen Wahrnehmung und Deutung zu kippen. Bei der Bahnhofsmission in Neumünster – und sicherlich auch an anderen Standorten – ist das nicht so. Hier wird das „Wir schaffen das“ täglich gelebt. Ein kleiner Kreis von hauptamtlichen Kräften kümmert sich mit vielen ehrenamtlichen  Mitstreitern um die großen und kleinen Anliegen, Sorgen und Nöte  von Reisenden auf dem Bahnhof. 

Das Motto heißt ganz treffend: „Bei uns bleibt niemand auf der Strecke.“ Oder: „Wir sorgen dafür, dass die Menschlichkeit zum Zug kommt.“ Ohne groß Aufhebens davon zu machen, helfen die  Bahnhofsmissionen seit mehr als 100 Jahren – und bewähren sich aktuell, da hunderttausende Menschen in Deutschland einen Fluchtpunkt suchen. Fast 11500 von ihnen suchten  – als Durchreisende oder weil sie zur Erstaufnahme im Haart wollten – die Bahnhofsmission in Neumünster auf und fanden hier Rast,  Ruhe, Rat und Hilfe.   Wohlgemerkt:  Die Flüchtlingen kamen zusätzlich zu den 13500 anderen Besuchern. Ein großartiges Beispiel für gelebte Nächstenliebe.

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