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Einwohnerversammlung : Flüchtlinge: In Boostedt gibt es viel Wut

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Viele Bürger verließen die Einwohnerversammlung zur Flüchtlingsunterkunft verärgert. Die Turnhalle war brechend voll, viele kamen gar nicht erst hinein

Boostedt | Bei vielen Boostedtern ist die Stimmung bereits gekippt: Mit lautstarken Beschimpfungen und groben Gesten verließ am Freitagabend etwa ein Drittel der 850 Besucher wütend die Einwohnerversammlung zum Thema Flüchtlingsunterkunft. Wegen des großen Andrangs mussten bereits vor Beginn einige Interessierte wieder gehen.

Die von Anfang an gespannte Atmosphäre entlud sich nach einer Aussage von Manuela Söller-Winkler: „Das Boot ist noch lange nicht voll“, sagte die Staatssekretärin des Innenministeriums und beantwortete damit eine Frage aus dem Publikum nach der Höchstzahl von Flüchtlingen für Boostedts Erstaufnahmeeinrichtung.

Zuvor hatte die Staatssekretärin bereits Zwischenrufe und Pfiffe für die Planung des Landes geerntet, in der Rantzau-Kaserne 2000 Menschen unterzubringen und einen Notfall-Puffer von 500 Plätzen einzuplanen. „Frau Söller-Winkler, Sie haben unser Vertrauen missbraucht“, war die deutliche Meinung eines Boostedters.

Noch vor einem Jahr hatte das Innenministerium den 4500 Boostedtern eine Obergrenze von 500 Asylsuchenden zugesichert. Die exorbitante Steigerung des Flüchtlingsandrangs in der Folgezeit sei nicht vorhersehbar gewesen, so Söller-Winkler. „Ihr sorgt nicht für Informationen, und die Unwissenheit schafft Unmut in der Bevölkerung“, kritisierte der Boostedter Wolfgang Ulbrich (63) das Vorgehen des Landes. Auch Bettina Terno (49) fühlte sich von der Politik alleingelassen: „Es fehlt an Transparenz, und so entsteht ein unehrlicher Eindruck.“

Neben der harschen Kritik an der Landesregierung äußerten die Boostedter ihre Sorgen zur Flüchtlingsunterkunft. Viele befürchten Gewalt und Belästigung – so auch die Anwohner Dietmar Kühl (47) und Jörg Moeller (51), die vor der Versammlung zu einer Kundgebung auf dem Vorplatz der Schule eingeladen hatten. Beide gaben an, parteiunabhängig zu sein und distanzierten sich gleich vorab vom Rechtsextremismus. Etwa 200 Menschen waren ihrem Aufruf gefolgt, einige hatten Plakate mitgebracht. „Mit der Zahl der Flüchtlinge wächst auch die Gefahr von Ausschreitungen. Die Menschen fühlen sich zum Beispiel im Bus nicht mehr sicher“, meinte der Industriemechaniker Dietmar Kühl. „Wir möchten das Bild der Bevölkerung widerspiegeln“, erklärte der Unternehmer Jörg Moeller den Grund für die Demo – auch wenn er „persönlich keine schlechten Erfahrungen gemacht hat“.

„Sie werden hier so viel Polizei haben wie noch nie“, stellte Andreas Görs, Leiter der Polizeidirektion Segeberg, während der Versammlung in der Sigfried-Steffensen-Turnhalle in Aussicht. Für die vergangenen neun Monate konnte er mit 145 Fällen einen leichten Rückgang der Straftaten in der Gemeinde im Vergleich zum Vorjahr präsentieren.

Kathrin Sawade, Pflegedienstleiterin im FEK, forderte mehr Hauptamtliche in der Erstaufnahme: „Es wird zu viel auf Ehrenamtler gesetzt. Wir brauchen die Unterstützung vom Land.“ Die Staatssekretärin stellte eine Aufstockung des Personals in Aussicht.

Ob Boostedt trotz der Erstaufnahme zukünftig auch dauerhaft Asylsuchende aufnehmen muss, konnte der Segeberger Landrat Jan Peter Schröder nicht sagen: „Zurzeit findet kein Transfer nach Boostedt statt. Das mag sich ändern“, meinte er. Aktuell erreichen nach Angabe der Staatssekretärin täglich etwa 400 Flüchtlinge Schleswig-Holstein, am Ende des Jahres könnten es 60.000 sein. „Mit 2500 Flüchtlingen sind wir an unsere Grenze gekommen“, betonte Bürgermeister Hartmut König (CDU).

Die rechtsradikale NPD will die Unsicherheit der Bürger bereits für sich nutzen: Sie verteilte noch am Freitagabend Flugblätter in Briefkästen und sprach darin von einer Unterbringung von 3000 Flüchtlingen in Boostedt.

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erstellt am 12.Okt.2015 | 07:00 Uhr

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