Neumünster : Farbtupfer verschönern das Viertel

Akkurat zieht Künstler Philipp Röhe Hansen Schlichting die Farben über den Fensterbogen in Türkis und Orange nach.
Akkurat zieht Künstler Philipp Röhe Hansen Schlichting die Farben über den Fensterbogen in Türkis und Orange nach.

Der Verein Polychrom für Kunst im öffentlichen Raum wurde gegründet: Das erste Projekt an der Vicelinstraße 12 wird am 11. August eingeweiht.

shz.de von
10. August 2018, 11:00 Uhr

Neumünster | Wenn Philipp Röhe Hansen Schlichting auf dem Baugerüst steht und den Pinsel schwingt, bleiben viele Passanten fasziniert stehen: Der freischaffende Künstler ist seit etwa drei Wochen dabei, die Fassade des Hauses Vicelinstraße 12 farbig zu verzieren. „Es sind auch viele Pendler, die jeden Tag vorbeikommen, die diskutieren dann mit mir über die Farbgebung“, sagt der 37-Jährige. Er ist Vorsitzender des neu gegründeten Vereins Polychrom, dessen Ziel es ist, die Kunst im öffentlichen Raum stärker zu etablieren. Das Gebäude im Vicelinviertel ist das erste Projekt; Vorläufer gab es bereits vor fünf Jahren.

Denn 2013/14 gab es das städtische Projekt „Kibitz“, der Name stand für Kultur, Integration, Bildung, Teilhabe und Zusammenleben“. Kooperationspartner war die Muthesius-Kunsthochschule Kiel. Bei dem Projekt, das von Caprice Sturm koordiniert wurde, verschönerten mehrere Studenten, unter ihnen auch Schlichting, unter dem Motto „Vorschläge für eine bunte Stadt“ vier Fassaden. Am auffälligsten war das Haus Christianstraße 34, weitere bunte Fassaden gibt es an der Christianstraße 49, der Esplanade 5 und 20.

Die Fassade an der Esplanade 5 gestalteten 2013 Elvira Bäfverfeldt Marklund und Hannah Bittner.
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Die Fassade an der Esplanade 5 gestalteten 2013 Elvira Bäfverfeldt Marklund und Hannah Bittner.
 

Stellenweise gesellt sich der Rechtsanwalt Christoph Weiß (36) zu Schlichting. Weiß ist zweiter Vorsitzender des Polychrom-Vereins; er kannte Schlichting über die Kieler Galerie „Kunstraum B“. Bewusst gründeten sie einen Verein: „Wir wollten klar machen, dass diese Initiative gezielt für Neumünster und das Vicelinviertel ist.“ Außerdem könne ein Verein personenunabhängig und transparent öffentliche Fördermittel beantragen und Sponsorengelder einwerben. „Wir sind ein kleiner Verein und wollen nicht riesig expandieren, sondern erst einmal in die Sache investieren“, so Weiß. Beim Gang durchs Viertel hat Schlichting so einige interessante Objekte gesehen: „Es gibt hier ein hohes Potenzial, es gibt viele schöne Fassaden, die sichtlich Farbe vertragen könnten“, sagt Schlichting.

Beim „Kibitz“-Projekt 2013 war die Fassade des Hauses an der Christianstraße 49 die größte verschönerte Fläche.
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Beim „Kibitz“-Projekt 2013 war die Fassade des Hauses an der Christianstraße 49 die größte verschönerte Fläche.
 

Durch eine Grundförderung vom Land, aber auch des Kulturbüros und des Vicelinviertel-Quartiermanagements war so das Anschaffen des Gerüsts für etwa 5000 Euro möglich. „Wenn man so ein Gerüst leihen müsste, wären das etwa 3000 Euro pro Monat“, sagt Weiß. Die Künstler werden projektbezogen honoriert. Da das Vicelinviertel 1998 als Sanierungsgebiet eingestuft und 1999 in das städtebauliche Programm „Soziale Stadt“ einbezogen wurde, standen Mittel für das „Kibitz“-Projekt zur Verfügung; jetzt verfügt Quartiermanager Alexander Kühn über einen entsprechenden „Topf“.

Zum Haus Vicelinstraße 12 kam Schlichting durch eine bereits vorhandene Liste des Vorgängerprojekts – und lobt in diesem Zusammenhang die ausgezeichnete Zusammenarbeit mit Johanna Göb, Leiterin des Kulturbüros, Sabine Schilf von der Stadtplanung und Quartiermanager Alexander Kühn. Schon damals hatte sich Stefan Burmeister, in Neumünster als Diakon (Café Jerusalem) bekannt, interessiert. „Das ist mein Elternhaus“, sagt der 56-Jährige, der fast täglich die Fassade gespannt anschaut. Die Einigung mit den Hausbesitzern ist eine weitere Herausforderung für die Künstler. „Das ist ein interessanter Prozess zwischen künstlerischer Vision und den persönlichen Vorstellungen des Hausbesitzers.“ Burmeister bezog auch seine Mieter mit ein.

Teamarbeit: Künstler Philipp Röhe Hansen Schlichting (rechts) wurde an diesem Tag von seinem Sohn Leon (12, oben) und seinem Polychrom-Vereinskollegen Christoph Weiß unterstützt.
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Teamarbeit: Künstler Philipp Röhe Hansen Schlichting (rechts) wurde an diesem Tag von seinem Sohn Leon (12, oben) und seinem Polychrom-Vereinskollegen Christoph Weiß unterstützt.

Nahes Ziel des Vereins ist es, weitere Fassaden zu aquirieren, finanzielle Unterstützung einzuwerben und auch andere Künstler zu motivieren. Bunt soll es sein. Polychrom heißt „Vielfarbigkeit“: „Das ist die klassische Buntheit, wie sie in der Antike eingesetzt wurde“, sagt Schlichting. Damit das alles hält, holte er sich einen Fachmann ins Boot: Malermeister Wolfgang Leis unterstützte ihn bei der Analyse der Fassade und Auswahl der Farben.

Zur Einweihungsfeier der ersten Fassadenmalerei laden der Verein und die Hausbewohner am Sonnabend, 11. August, um 16 Uhr an die Vicelinstraße ein. Alle Bürger, nicht nur aus dem Viertel, sind willkommen – denn langfristig könnte das Projekt auch in andere Stadtteile „hinüberschwappen“.



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