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Ey, bist Du blind? Ein Plädoyer für genaues Hinsehen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ey, bist du blind?
Nein, natürlich nicht. Man muss doch nur ein bisschen genauer hingucken, dann sieht man doch sofort, was los ist! Wer das dann immer noch nicht merkt, ist echt blind. Jeder Idiot erkennt das doch sofort.

Und auch wir sind blind für so einiges. Wollen es nicht sehen und machen die Augen ganz fest zu. Dass derjenige, der das Drei-Euro-T-Shirt in Bangladesh hergestellt hat, keinen ordentlichen Lohn bekommt, das kann sich jeder denken.

Aber wir verschließen lieber die Augen vor der Ungerechtigkeit und haben dafür einen vollen Kleiderschrank. Wir setzen uns ins Auto, obwohl das Fahrrad vor der Tür steht. Und dass die Erdbeeren im Januar nicht gut sind für die Klimabilanz, wissen wir auch.

Jesus sagt von sich: Ich bin gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Die Pharisäer, die, die sich für besonders fromm hielten, fragten daraufhin: sind wir etwa auch blind? Sie, die doch auf alles eine Antwort hatten, wussten, wo es lang geht. Natürlich fühlten sie sich nicht blind. Wie denn auch!

Jesus antwortete ihnen: Wenn ihr blind wäret, dann hättet ihr keine Sünde.

Sünde - die Pharisäer? Sie machten doch alles richtig! Achteten peinlichst genau auf die Gesetze, taten immer, was verlangt war und oft noch mehr.

Aber genau das ist das Problem. Dieses Sich-Verlassen auf sich selbst, auf das eigene Können, auf die eigene Stärke. Von sich selbst überzeugt sein. Gar nicht auf die Idee kommen, dass vielleicht doch etwas falsch läuft.

Wenn ihr blind wäret, dann würdet ihr nicht so überheblich sein. Wenn ihr doch endlich mal zugeben würdet, dass ihr nicht auf alles eine Antwort habt! Dass manches nicht gut läuft.

Viele Kinder haben diese Woche Kindermeilen gesammelt. Für den Weg zur Schule oder zum Kindergarten – zu Fuß, mit dem Roller, mit dem Bus. Und nicht mit dem Auto. „Kleine Klimaschützer unterwegs“ – so heißt diese Kampagne. Ich will mich davon anstecken lassen. Das Auto mal in der Garage lassen. Auch für regionale Lebensmittel gab es einen Punkt. Und die Erdbeeren hier aus der Region schmecken ja auch viel besser als die eingeflogenen im Januar.

Ey, bist du blind? Nee, bin ich nicht. Aber manchmal fällt es mir ganz schön schwer, hinzusehen. Weil ich mir dann eingestehen muss: So ist es nicht o.k. Eigentlich müsste ich mich ändern. Eigentlich könnte ich mich ändern.

Ich wünsche uns, dass es uns immer mal wieder gelingt, über unseren eigenen Schatten zu springen. Die Augen weit aufzumachen.

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erstellt am 21.Sep.2013 | 00:31 Uhr

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