Neumünster : "Es reicht!" - Polizei schlägt Alarm

Brandbrief aus dem 1. Polizeievier in Neumünster: Ein Beamter klagt über fehlende Arrestzellen, Fäkalwasser am Boden und drastischen Personalmangel - Vierfach-Schichten seien keine Seltenheit.

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10. Juli 2011, 05:23 Uhr

Neumünster | Im 1. Polizeirevier brodelt es: Erst musste die Belegschaft wegen des mit Fäkalwasser verseuchten Fußbodens aus dem Gebäude an der Parkstraße ausziehen. Dann wurde klar, dass die Jugendschutzstreife auf der Holstenköste wegen Personalmangels ausfällt. Und wenn die Beamten jemanden in Gewahrsam nehmen, müssen sie nach Kiel oder Rendsburg fahren, denn die Arrestzellen befinden sich im geschlossenen Gebäude an der Parkstraße. Nun ist ein Brief aufgetaucht, der das gesamte Leid der Beamten schildert.
"Es reicht!!!" steht in großen Buchstaben über dem Schreiben, das von einem Beamten des Wachdienstes im 1. Polizeirevier stammt. Es ist wie ein Flugblatt gestaltet und liegt dem Courier vor. "Die ersten Monate des Jahres 2011 haben ihre Spuren hinterlassen", steht darin. Der Wachdienst könne nicht mehr, und die Beamten fühlten sich durch die Führungsetage der Polizeidirektion im Stich gelassen.
Doppelschichten am Wochenende sind die Regel
Der Verfasser zählt verschiedene Einsätze der letzten Zeit auf: "Holstenköste, Brokdorf, Kieler Woche, andere Stadtfeste, Fußballspiele, Rockerfehden und andere Sondereinsätze binden eine große Zahl von Kräften." Dieser "Dauerstrom" habe dazu geführt, dass der Akku bei den Kollegen leer sei. "Freie Wochenenden sind Mangelware. Doppelschichten am Wochenende sind die Regel, sogar auch Drei- oder Vierfachschichten sind keine Seltenheit." Es gebe Kollegen, die überlegten, die Dienststelle zu verlassen.
Aus dem Schreiben geht hervor, wie der Wachdienst aus 35 Beamten durch Sondereinsätze so beansprucht wird, dass für die eigentliche Aufgabe der Polizei keine Kollegen mehr übrig bleiben. Das wird am Beispiel eines Sonnabends genau aufgeschlüsselt: Sechs Beamte schieben am Tag, zehn in der Nacht Dienst. Sieben Beamte sind für den Sondereinsatz, drei für die Hundertschaften Utina 2 und 3 sowie zwei für die Gewahrsamsstreife nach Rendsburg oder Kiel eingesetzt. Einer ist krank, der Rest im Urlaub. Damit ist das Personalkontingent aufgebraucht. "Das bedeutet, dass alle Kollegen des Freitag-Nachtdienstes auch am Samstag arbeiten müssen", heißt es in dem Brief.
"Als Dienstvorgesetzter nehme ich die Sorgen der Kollegen ernst"
Das Arbeitsaufkommen potenziere sich schnell. "Nur durch die sehr gute Kameradschaft untereinander können sämtliche Kräfteanforderungen, sei es der Regeldienst oder sei es der Sondereinsatz, ermöglicht und besetzt werden." Die Frage sei, wie lange das gutgehe. Der Brief schließt mit der Forderung, den Wachdienst aufzustocken.
Das Schreiben ist dem Leiter des 1. Polizeireviers, Dieter Jung, bekannt. Er ist sich sicher, dass es nicht die Meinung der gesamten Belegschaft wiedergibt. Es handele sich um ein persönliches Schreiben eines einzelnen Beamten, das als Entwurf gelten könne und noch keinem Adressaten offiziell zugegangen sei. Es müsse kurz nach der Holstenköste aufgesetzt worden sein unter dem Eindruck dieser "punktuellen Belastung". "Als Dienstvorgesetzter nehme ich die Sorgen der Kollegen ernst." Im Sommer stünden nun ruhigere Zeiten bevor, in denen ein Ausgleich für die Kollegen möglich sei. "Das kann sich aber von heute auf morgen ändern - je nach Einsatzlage."
(shz)

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