Neumünster : Es ist mehr als nur Kleidung

Er führt seit 100 Jahren immer wieder zu Diskussionen – der Badeanzug. Martin Schmidt erzählte von den soziologischen Hintergründen und Entwicklungen des Kleidungsstücks.
Er führt seit 100 Jahren immer wieder zu Diskussionen – der Badeanzug. Martin Schmidt erzählte von den soziologischen Hintergründen und Entwicklungen des Kleidungsstücks.

Ein Textilien-Experte hält im Museum Tuch + Technik einen Vortrag zur Geschichte der Bademode.

shz.de von
25. Juni 2018, 14:00 Uhr

Neumünster | „Reif für die Insel“ ist man seit Ende März im Museum Tuch + Technik. Nein, die Mitarbeiter brauchen nicht dringend Urlaub, vielmehr widmen sie ihm eine ganze Ausstellung. Es geht um den Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca.

Die Ausstellung ist eine Leihgabe vom LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg in Nordrhein-Westfalen. Wie es sich für das hiesige Textilmuseum gehört, spielt Badebekleidung eine zentrale Rolle. Dass ein Badeanzug mehr als nur ein Kleidungsstück ist, zeigte Martin Schmidt vom LWL-Industriemuseum in Bocholt bei einem Vortrag am Sonnabend.

„Mode drückt unsere Individualität aus. Sie ist Selbstverwirklichung und stabilisiert unser Bild von uns selbst“, erklärt Schmidt. Kleidung zeigt unseren Mitmenschen, zu welcher Gruppe wir gehören oder gehören wollen. Jugendkultur ist das beste Beispiel dafür: Den Punk-Hörer erkennt man meist auch an seinem Äußeren.

Badebekleidung ist da keine Ausnahme, was auch Probleme mit sich bringt. In den vergangenen 100 Jahren sorgte insbesondere die weibliche Bademode immer wieder für Furore. In der Weimarer Republik wurde im sogenannten „Zwickelerlass“ beispielsweise genau geregelt, wie ein Badeanzug geschnitten sein muss, unter anderem wurde ein Zwickel im Schritt zur Pflicht, um die Geschlechtsmerkmale zu verdecken. Wer sich nicht daran hielt, wurde mit der Polizei konfrontiert.

Der Stoffrückgang ließ sich trotzdem nicht aufhalten. 1946 erfand Louis Réard den Bikini und löste damit einen Skandal aus.

Heutzutage ist er von den Stränden nicht mehr wegzudenken. Stattdessen wird über zu viel Stoff im Wasser diskutiert: Der Burkini, ein zweiteiliger Badeanzug, der außer Gesicht, Händen und Füßen den ganzen Körper bedeckt, löst immer wieder Verbotsdebatten aus. Er sei unhygienisch und eine Provokation.

Martin Schmidt hält dagegen: „Der Stoff ist der gleiche wie bei herkömmlichen Badeanzügen und somit unbedenklich.“ Er glaubt nicht an eine Provokation. Der Burkini kann aus vielerlei Gründen getragen werden: religiöse Bekleidungsvorschriften, Abgrenzung, Scham oder einem anderen Schönheitsideal. Tatsächlich ist der größte Absatzmarkt für den Burkini China, wo helle Haut als besonders schön gilt. Bademode ist also nicht nur schön anzusehen, sie kann auch zum Politikum werden.

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