Bewegendes Theater : „Es ist ein Schrei gegen den Krieg“

Oliver Hermann (rechts) und Michael Bideller beunruhigten als Soldaten im Ersten Weltkrieg die Zuschauer mit ihrem Spiel. In den Hintergrund wurde ein historisches Foto projiziert.
Oliver Hermann (rechts) und Michael Bideller beunruhigten als Soldaten im Ersten Weltkrieg die Zuschauer mit ihrem Spiel. In den Hintergrund wurde ein historisches Foto projiziert.

Das Hamburger Ensemble Axensprung zeigte in der Stadthalle die Collage „Weltenbrand“. Vorbild ist ein Roman von Edlef Köppen.

shz.de von
16. Januar 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Am Ende hält er „Krieg für die größte Sauerei, die es gibt“: Die Schrecken und Erfahrungen des Soldaten Adolf Reisiger im Ersten Weltkrieg brachte das Hamburger Ensemble Axensprung am Mittwoch sehr überzeugend auf die Bühne der Stadthalle. Drei Geschichtskurse der Klaus-Groth-Schule sahen sich die Collage „Weltenbrand“ bereits vormittags auf der bestuhlten Bühne sitzend an und waren so ganz nah dran am Geschehen. Am Abend folgte eine weitere Vorstellung.

Die Nähe zum Geschehen beabsichtigten die versierten Schauspieler Oliver Hermann, Michael Bideller und Markus Voigt auch: „Wir wollen sinnlich erleben lassen, was Krieg ist. Dafür ist die Unmittelbarkeit des Theaters besser geeignet als das Fernsehen“, erklärte Oliver Hermann.

Das Kriegsmotiv der Zersplitterung bestimmte die Art der Darbietung: Auf eine stringente Handlung wurde verzichtet, stattdessen lebte das Drama von einer Zusammenschau verschiedener Bruchstücke. Die inneren Monologe – etwa von Adolf Reisiger – wechselten sich ab mit Fragmenten historischer Dokumente, wie Zeitungsartikel, Briefe von Eltern, Anweisungen von Offizieren, Propagandareden von Priestern, Lehrern und Ärzten. Dazu lief Marschmusik aus den Lautsprechern, Gedichte vom im Krieg gefallenen Lyriker August Stramm wurden zitiert und Fotos vom Schlachtfeld auf die Bühne projiziert. Bilder des zeitgenössischen Malers Otto Dix unterstrichen das Grässliche.

Beklemmung hinterließ das eindringliche Spiel der Akteure, die mit steinharter Mimik und kaltem Blick die Lebensfeindlichkeit des Krieges ausdrückten. Aber auch Todesangst und an den Wahnsinn reichende Verzweiflung sind Gefühle, die die Schauspieler glaubhaft vermittelten. „Wir wissen, es ist harte Kost. Aber genau das erleben Menschen auf der Welt in diesem Moment“, betonte Oliver Hermann.

Das Theaterstück basiert auf dem Roman „Heeresbericht“ von Edlef Köppen, der als alter ego Adolf Reisiger seine Kriegserfahrungen festgehalten hat. Der schwer traumatisierte Autor hat vor seinem freiwilligen Kriegseintritt einen Teil seines Germanistikstudiums in Kiel absolviert. Sein Roman ist erst 1930 erschienen und von den Nazis verbrannt worden. „Es ist ein Schrei gegen den Krieg“, beschrieb Hermann das aus seiner Sicht zu Unrecht unbekannte Buch. Das empfanden die Schüler offenbar auch so. Nina Baumann aus der 12. Klasse resümierte: „Eine tolle Aufführung! Es gab keine Distanz zum Spiel, man konnte sich nicht entziehen.“ Geschichtslehrer Christian Baar wird das Theaterstück mit seinem Kursus besprechen, nicht nur um der Lehre willen: „Eine Nachbearbeitung ist wichtig, um die Empfindungen zu klären.“

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