zur Navigation springen

Pflegefamilien gesucht : Es gibt zu wenig Pflegefamilien

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

141 Kinder leben zurzeit dauerhaft bei Pflegeeltern. Die Tendenz ist leicht steigend. Gerade für die Kleinen ist eine familiäre Bindung wichtig.

von
erstellt am 20.Aug.2014 | 07:45 Uhr

Neumünster | Pflegefamilien sind in Neumünster Mangelware, dabei steigt die Zahl von Kindern leicht, für die eine Familie gesucht wird. Bis zu 26 Mal im Jahr muss der Pflegekinderdienst der Stadt Kinder und Jugendliche aus ihren Familien nehmen und dauerhaft in Pflegefamilien unterbringen.

Die Gründe sind vielfältig. Mal sind es massive Suchtprobleme, mal psychische Krankheiten, mal traumatische Erfahrungen in der eigenen Kindheit, die die Eltern vor so große Probleme stellen, dass sie ihren Erziehungsauftrag nicht erfüllen können. Oft kommen finanzielle Sorgen und enge Wohnverhältnisse hinzu – dann eskaliert eine Situation schon mal. Wenn Nachbarn, Freunde, Familienmitglieder, Schulen oder Kindergärten, aber auch die Polizei Gewalt oder akute Vernachlässigung melden, ein gerichtlicher Beschluss vorliegt oder auch die Eltern selbst aufgrund ihrer Überforderung einen Antrag stellen, muss gehandelt werden. „Wenn die gedeihliche Entwicklung eines Kindes in seiner Familie nicht mehr gewährleistet ist, bleibt letztlich nur noch die Herausnahme“, erklärt Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth.

Gerade für jüngere Kinder hält die Stadt eine Pflegefamilie für die sinnvollste Lösung. „Kinder unter drei Jahren sind in einer sehr bindungssensiblen Phase und brauchen das familiäre Umfeld“, weiß Wiebe Broszeit-Kruse vom Pflegekinderdienst, der beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) angesiedelt ist. Doch auch für Grundschulkinder ist der Familienverband oft noch wichtig. Die Stadt hat deshalb das Alter seit dem Jahr 2000 schrittweise hochgesetzt und vermittelt mittlerweile fast alle Kinder bis zehn Jahren in Familien.

Zurzeit werden 141 junge Neumünsteraner dauerhaft bei Pflegeeltern betreut. 79 sind bei 52 Familien in der Stadt untergekommen, 33 Kinder wohnen bei 25 Pflegeeltern in den umliegenden Kreisen. Die übrigen werden von Angehörigen betreut.

In ihrer Pflegefamilien bleiben die Kinder, wenn alles gut geht, bis zum 18. Geburtstag oder bis sie ihre Ausbildung absolviert haben. Ungefähr die Hälfte der Mädchen und Jungen, die ihre eigenen Eltern langfristig verlassen müssen, können über die Stadt eine Pflegefamilie bekommen. Ältere Kinder ziehen auch in Wohngruppen oder Heime. Hinzu kommt die sogenannte Bereitschaftspflege. Wenn Eltern kurzfristig in Not geraten, zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter schwer erkrankt und keine Verwandten einspringen können, stehen zwölf Pflegefamilien parat, die den Nachwuchs bis zu einem halben Jahr betreuen.

Wer ein Pflegekind aufnimmt, wird vom ASD unterstützt. Der Kontakt ist eng. „Bei Problemen ist zum Beispiel eine pädagogische Begleitung jederzeit möglich“, berichtet Fachdienstleiter Jörg Hellberg. „Wir kommen auch morgens um 7 Uhr“, betont Wiebe Broszeit-Kruse. Auch ein regelmäßiges Treffen der Pflegeeltern ist hilfreich, und zwei Mal im Jahr wird eine Schulung angeboten. Besonders wichtig ist dem ASD, immer alle Beteiligten mit im Boot zu haben – auch die leiblichen Eltern. „Ein wertschätzender Umgang ist wichtig, damit für das Kind kein Loyalitätskonflikt entsteht“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin. Denn in der Regel dürfen die leiblichen Eltern ihr Kind besuchen.

Nach wie vor werden Pflegefamilien dringend benötigt. „Aber man muss bereit sein, sich auf etwas Unvorhersehbares einzulassen“, sagt Wiebe Broszeit-Kruse. Weiterhin müssen Pflegeeltern eine stabile Persönlichkeit, Humor und Geduld mitbringen. Sie dürfen nicht zu hohe Erwartungen an das Kind haben und sollten genug Platz in der Wohnung haben. Und ein polizeiliches Führungszeugnis muss vorgelegt werden. Ehepaare sind genau so gern gesehen wie Unverheiratete, und auch gleichgeschlechtliche Paare sind gern gesehen. Die Stadt zahlt ein Pflegegeld von 700 bis 900 Euro im Monat, achtet aber strikt darauf, dass nicht der finanzielle Anreiz im Vordergrund steht. Bei den bisherigen Pflegeeltern scheint das Kind jedoch eher eine Herzensangelegenheit zu sein. „Abbrecher haben wir kaum“, sagt Wiebe Broszeit-Kruse erfreut.

> Weitere Informationen gibt es am Dienstag, 28. Oktober, 19 bis 20.30 Uhr bei der Volkshochschule unter dem Motto „Kinder brauchen ein Zuhause – Pflegefamilien gesucht“, Kosten 2 Euro.

Kommentar:

Es fehlt die Wertschätzung

Sie machen ihre wertvolle Arbeit stets im Stillen.  Ganz bescheiden widmen sich Pflegeeltern jeden Tag wieder ihren besonderen Schützlingen, die oft  erst einmal viel  Aufmerksamkeit nach einer schweren Zeit benötigen. Jeden Tag  schenken  sie den Kleinen ein Zuhause mit Geborgenheit, stellen sich den Sorgen und Nöten, lachen mit ihnen und teilen einfach ein wichtiges Stück   Leben, indem sie versuchen, ihnen eine echte Kindheit zu geben.

Doch leider werden die Pflegefamilien immer nur dann ins Rampenlicht gerückt, wenn  mal etwas schief geht, was übrigens  nach Auskunft der Experten äußerst selten ist. Die nicht immer einfache Arbeit der Pflegeeltern hingegen erfährt in unserer Gesellschaft kaum  eine Wertschätzung.  Leider!

Da ist es beruhigend zu wissen, dass  manchmal das Lob von anderer, noch wichtigerer Stelle kommt: Ein ehemaliges Pflegekind aus Neumünster hat sich kürzlich von seinen Pflegeeltern  adoptieren lassen, als es volljährig war.  Es war sein ausdrücklicher Wunsch – und eine der höchsten Auszeichnungen.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen