zur Navigation springen

Jahresbilanz : Es gibt immer mehr häusliche Gewalt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In 106 Fällen half die Außenstelle Neumünster des Vereins Weißer Ring im vergangenen Jahr Kriminalitätsopfern, darunter waren 36 Sexualdelikte.

shz.de von
erstellt am 08.Mär.2015 | 06:00 Uhr

Neumünster | Prügelnde Ehemänner, sexuelle Übergriffe und selbst Kinderpornografie: Der Weiße Ring in Neumünster verzeichnet immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt. 106 Kriminalitätsopfer betreuten die sechs Mitglieder der Außenstelle im vergangenen Jahr. Sexualdelikte und Körperverletzungen machten etwa Zweidrittel davon aus.

„Dabei werden 80 Prozent der Vergewaltigungen gar nicht angezeigt“, sagt Wilhelm Dittjen. Seit 28 Jahren leitet der ehemalige Kripo-Beamte ehrenamtlich die Außenstelle, die für die Stadt und die umliegenden Gemeinden zuständig ist. „Früher gab es pro Jahr insgesamt vielleicht 50 Fälle. Zum Glück ist die Gesellschaft sensibler geworden, obwohl immer noch sehr oft aus Scham oder Abhängigkeit keine Anzeige erstattet wird“, sagt er. Es gibt fast nichts, was der 71-Jährige nicht schon erlebt hat. In seinem letzten Fall brannte die Gartenlaube einer Seniorin durch Brandstiftung ab. Da sie kein Geld für die Beseitigung der als Sondermüll deklarierten Trümmer hatte, sprang der Weiße Ring ein. Dittjen verhandelte mit einem Bauunternehmer und dem Technischen Hilfswerk. Knapp 2000 Euro kostete die Schadensbeseitigung.

In den letzten Jahren melden sich verstärkt auch Opfer von Stalking, dem Auflauern und Belästigen von Personen, sowie Menschen, die auf Kriminalität im Internet hereingefallen sind. Nach wie vor sind ältere Menschen nach Wohnungseinbrüchen und Frauen und Kinder nach sexuellen Übergriffen besonders traumatisiert. Auch nach Raub, Diebstahl und Tod werden die Helfer auf Anfrage aktiv.

Eines ist ganz wichtig: „Wir springen mit Geld tatsächlich nur dann ein, wenn weder Verwandte, Versicherungen noch Behörden zuständig sind“, sagt Dittjen. Oft wüsste aber noch nicht einmal die Stadtverwaltung, dass sie helfen muss. Dittjens Beispiel: „Ich sehe, dass jemand auf der Straße verprügelt wird und gehe dazwischen. Dabei werde ich selbst verletzt. Dann ist die Stadt verpflichtet, mir Entschädigungen zu zahlen. Das ist im Rathaus aber kaum bekannt.“ In vielen Fällen müssten zudem Versicherungen Kosten übernehmen. Der Weiße Ring berät dann die Opfer und nennt ihnen die richtigen Ansprechpartner. Gibt es Probleme, kommen die Mitarbeiter auch schon mal mit aufs Amt oder an den Sachbearbeiter-Schreibtisch.

Die Arbeit erfolgt ausschließlich ehrenamtlich. Der Weiße Ring lebt von Spenden, Mitgliedschaften, Bußgeldern und Benefizveranstaltungen. „Das Geld kommt bei denen, die es nötig haben, ohne Umwege an. Skandale gab es bei uns noch nie“, betont Dittjen stolz. Dennoch hat er Sorgenfalten. Der Ortsverein Neumünster ist seinen Angaben zufolge mit knapp 100 fördernden Mitgliedern Schlusslicht in Schleswig-Holstein. „Es ist ganz schwer, hier Unterstützer zu finden“, bedauert Dittjen. Zudem gibt es Nachwuchsprobleme. „Wir suchen dringend Ehrenamtliche für die Opferbegleitung.“ Die Ausbildung dauert drei Jahre, eine gestärkte Persönlichkeit und eine gewisse Sensibilität sind Grundvoraussetzungen. Und Dittjen hat auch persönlich einen Wunsch: „Ich selbst würde den Vorsitz gerne in jüngere Hände geben.“

> Kontakt: Tel. 0151  /551  64  618

Kommentar von Christian Lipovsek:

Opfer von Kriminalität kann jeder werden, egal ob groß oder klein, jung oder alt. Während es für die Täter meist viele Programme, Resozialisierungsmaßnahmen und Hilfen gibt, werden die Opfer nicht selten allein gelassen und müssen sich selbst um die finanziellen und – noch viel schlimmer – seelischen Folgen der Taten kümmern. Bei der Polizei und bei den  Gerichten sind sie Aktenzeichen.  In vielen europäischen Ländern springt der Staat ein und unterstützt die Opfer mit hauptamtlichen Anlaufstellen und qualifizierten Mitarbeitern. In Deutschland machen das die ehrenamtlichen Helfer des Weißen Ringes. Und ihre Arbeit steht vom Aufwand, der Bürokratie, dem Einsatz und   den oft belastenden Situationen der von freiwilligen Feuerwehrleuten,  Rettern oder Hospizmitarbeitern in nichts nach. Hut ab vor diesen ehrenamtlichen Kräften, die sich so um ihre Mitmenschen kümmern! Umso enttäuschender ist es, dass der Opferschutz in Neumünster nur eine kleine Lobby hat. Das sollte sich doch ändern lassen!


 

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen