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Auschwitz-Prozess : Erste Nebenkläger zugelassen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

von
erstellt am 27.Jan.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Noch ist nicht klar, ob und wann der Prozess gegen eine Neumünsteranerin (91) stattfinden wird, die als SS-Helferin in Auschwitz tätig gewesen sein soll. Doch das Interesse an dem Verfahren ist bereits groß. Laut Landgerichtssprecherin Karin Witt wurden bereits zehn Nebenkläger zugelassen. Über zwei bis drei weitere Anträge wird zurzeit noch entschieden. Es handelt sich um Angehörige von Auschwitz-Opfern. Voraussetzung für die Nebenklage ist eine enge Verwandtschaft zu Menschen, die dort zur Tatzeit ums Leben kamen.

Die weitere Planung des Verfahrens hängt von dem Gutachten zur Verhandlungsfähigkeit der betagten Frau ab, das die Kieler Kammer in Auftrag gegeben hat. Laut Landgericht wird es „in den nächsten Wochen“ erwartet. Sobald es vorliegt, wird es sowohl der Staatsanwaltschaft als auch der Verteidigung zur Verfügung gestellt. Gleichzeitig erhalten der Anwalt der Frau sowie der Anklagevertreter eine Frist, innerhalb der sie eine Stellungnahme abgeben können. Die Dauer der Frist hängt von der Komplexität des Gutachtens ab. „Erst danach kann die Kammer über die Eröffnung entscheiden“, so die Gerichtssprecherin. Das Gutachten geht mit strengen Vorgaben einher. Bei besonders gebrechlichen Angeklagten wird unter Umständen geprüft, ob einstündige Sitzungen zumutbar sind. Wann ein Prozess möglicherweise beginnen könnte, ist noch unklar. Auch Umfang und Dauer stehen noch nicht fest. Sicher ist: Er würde vor der Jugendstrafkammer am Landgericht Kiel stattfinden, denn die Seniorin war zur Tatzeit 20 Jahre alt.

Im September vergangenen Jahres war gegen die Neumünsteranerin, die in einem Altenheim lebt, Anklage erhoben worden. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in mehr als 260  000 Fällen (der Courier berichtete). „Umfangreiche Ermittlungen haben den hinreichenden Tatverdacht bejaht“, erklärte Oberstaatsanwalt Heinz Döllel, Sprecher der Staatsanwaltschaft des Oberlandesgerichtes Schleswig. „Die Frau soll als Funkerin der Kommandantur des Konzentrations- und Vernichtungslagers von April bis Juli 1944 den Tätern und Gehilfen bei der systematischen Ermordung verschleppter Juden aus Europa geholfen haben“, hieß es. Das Verfahren war zunächst als sogenannte Vorprüfungssache von der NS-Fahndungsstelle in Ludwigsburg geführt worden. Demnach war der Name der Neumünsteranerin bereits in den 70er-Jahren bekannt. Ein Urteil aus dem Jahr 1969 verhinderte aber die Ermittlungen. Der Bundesgerichtshof legte einst fest, dass für eine Verurteilung der KZ-Wächter die individuelle Schuld nachzuweisen sei. Das war oft unmöglich. Erst 2011 mit dem Urteil gegen John Demjanjuk und Entscheidungen des BGH zu Helfern des Attentats auf das World-Trade-Center wurde die Auffassung über die Strafbarkeit von Gehilfen revidiert.

Sollte der Prozess gegen die Neumünsteranerin stattfinden, so wäre es in Schleswig-Holstein das erste Verfahren, das sich mit dem unmittelbaren Tötungsvorwurf in der Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz beschäftigt. Bisher ging es ausschließlich um die Deportationen nach Auschwitz.

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