Erst Kribbeln – dann Faszination pur

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Im Segelflugzeug über (den) Aukrug: Die schönste Art, sich einen Überblick zu verschaffen

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09. Mai 2018, 12:46 Uhr

Bevor Jochen die Plexiglashaube über mir schließt, gibt er mir noch einen aufmunternden Rat: „Am besten nix berühren, was bunt ist!“ Ich schaue im engen Cockpit von D 5037 zwischen meine Beine, entdecke plötzlich überall bunte Knöpfe und Hebel und überlege, ob meine Kollegin mich loswerden wollte, als sie mir den heißen Tipp gab: „Wenn du dir in Aukrug einen Überblick verschaffen willst, dann gehst du am besten in die Luft und drehst im Segelflieger eine Runde!“

„Schnapsidee!“, denke ich noch, aber dann fällt mein Blick auf den sonnengebräunten Nacken von Elke Fuglsang-Petersen, die vor mir Platz genommen hat, in betörender Seelenruhe Instrumente checkt und sich über Funk zum Start anmeldet. Die Frau am Steuer ist seit ihrer Jugend wie ihr Mann Jochen begeisterte Segelfliegerin, hat über 1500 Stunden Flugerfahrung und längst zwei ihrer drei Kinder mit dem Virus Segelfliegen infiziert. Das beruhigt – gerade rechtzeitig.

Durch das Cockpitfenster sehe ich, wie sich auf der Wiese vor uns das Stahlseil der Startwinde spannt. Ein kleiner Ruck, dann bewegt sich der Flieger voran, das Ruckeln unter mir nimmt zu, dann wird es plötzlich ganz ruhig: Wir haben den Boden verlassen. Rasend schnell geht es jetzt der Sonne entgegen. Nur Sekunden dauert der rasante Steilflug, dann legt sich der Flieger in die Waagerechte. Wir haben ausgeklinkt, und Elke Fuglsang-Petersen beschreibt eine elegante Linkskurve.

320 Meter zeigt der Höhenmesser. „Alles gut?“, fragt die Pilotin und grinst dabei kurz über die Schulter. Vielleicht weil sie erraten kann, dass ich es immer noch nicht recht fassen kann: Wir sitzen in einer kleinen engen Kiste, nur von etwas (Kunst-)Stoff umhüllt und werden in aller Stille nur von der Luft getragen. Weiter hinauf nämlich, wenn man’s richtig macht. Immer wieder beschreibt die Pilotin breite Kreise und lässt die Thermik dabei unter die Tragflächen greifen. Mit ein bis zwei Metern pro Sekunde schrauben wir uns hoch auf 500 Meter.

Elke Fuglsang-Petersen lässt mir noch einem Moment des stillen Genießens, bevor sie mich daran erinnert, warum ich eigentlich nach oben wollte: „Da unten ist die B 430. Daran können Sie sich gut orientieren.“ Stimmt! Deutlich sind die winzigen Spielzeugautos auszumachen, die auf dem fast schnurgeraden grauen Band von Ost nach West und umgekehrt entlangschleichen. Viel, viel kurvenreicher schlängelt sich dagegen das blaue Band, das tief unter uns die Bundesstraße kreuzt: Das Wasser der Bünzau glitzert in der Sonne. Der Fluss und seine begleitenden Auen trennen seit uralten Zeiten schon Aukrugs Ortsteile – rechts Bünzen und dahinter Böken, links Innien. Wer den Bahnhof ausmacht, kann auch die Bahntrasse als zweite Ost-West-Achse von hier oben klar verfolgen. Auffallend hellblau hat sich ein Markierungspunkt herausgeputzt, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Das Aukruger Freibad kann von hier jedes Kind ausmachen.

Und wieder ziehen wir eine Schleife nach Westen: Da unten, der schlanke Block mitten im Wald: Das Tagungszentrum Tannenfelde! Und gleich links daneben, schön versteckt im Forst , aber doch klar auszumachen: Das muss die Fachklinik Aukrug sein!

Meine Pilotin macht mich auf die kleinen merkwürdig geschwungenen Sandlöcher auf den super gepflegten Wiesen unter uns aufmerksam: Na, klar, das ist der Golfplatz Aukrug!

Fantastisch, wie viele Details sich von hier oben ausmachen lassen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass wir uns leider schon wieder der Erde nähern. Butterweich gleiten wir noch einen Moment über grüne Gipfel, dann ruckelt es, und Mutter Erde hat uns wieder.

Noch etwas adrenalintrunken klettere ich aus dem Flieger und leiste still Abbitte bei meiner Kollegin: Selten war es aufregender und schöner, sich einen Überblick über Aukrug zu verschaffen!

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