Historische Fotos : Erst fielen die Bomben, dann kam die Tuberkulose

Auf Schatzsuche auf dem Schuttberg: Kohle, Koks und Metall waren im Krieg und danach echte Kostbarkeiten. Besonders ertragreich konnte die Suche sein, wenn die Müllabfuhr aus „guten Gegenden“ gekommen war, etwa aus der Marienstraße. Dann befand sich oft viel Koks in der Asche.
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Auf Schatzsuche auf dem Schuttberg: Kohle, Koks und Metall waren im Krieg und danach echte Kostbarkeiten. Besonders ertragreich konnte die Suche sein, wenn die Müllabfuhr aus „guten Gegenden“ gekommen war, etwa aus der Marienstraße. Dann befand sich oft viel Koks in der Asche.

Neumünster vor 70 Jahren: Der Bombenkrieg erreichte die Stadt und forderte viele Menschenleben / Teil 2 der Serie mit Auszügen aus dem Buch „Als unser Leben Kleinholz war“

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22. Dezember 2014, 17:00 Uhr

Der Courier bringt in einer Serie Auszüge aus dem Buch „Als unser Leben Kleinholz war“, das jetzt wieder im Buchhandel erhältlich ist. Der Ur-Neumünsteraner Helmut Müller (1930 - 1996) erlebte Neumünster in schwerer Zeit und schrieb alles auf. Dokumentiert wird der Text mit Fotos des früheren Courier-Fotografen Walter Erben. Hier ist der zweite Teil; es geht um die Zeit vor genau 70 Jahren:

Der Luftangriff vom 25. Oktober 1944 war nicht der schwerste, in seiner psychologischen Wirkung jedoch der verheerendste für die Neumünsteraner. Nun galt es Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass die Bombermassen den Neumünsteraner Luftraum wie in der Vergangenheit lediglich zum Überfliegen benutzten.

In den Vormittagsstunden des 6. November 1944 meldete der Rundfunk den Anflug von Bomberformationen in breiter Front von der Dithmarscher Bucht bis Heide in östlicher Richtung. Nackte, ahnungsvolle Angst machte sich breit. Im Gegensatz zu den Großstädten verfügte Neumünster nicht über bombensichere Bunker. Die Einrichtungen des Luftschutzes waren völlig unzureichend. Wo um alles in der Welt sollte man Zuflucht suchen?

Es sollen rund 280 Flugzeuge gewesen sein, die in der Zeit von 10.34 Uhr bis 10.50 Uhr mehr als 3000 große Sprengbomben über Neumünster abluden. Ebenso entsetzt wie hilflos mussten die Neumünsteraner diesen Bombenregen über sich ergehen lassen. In vielen Kellern spielten sich regelrechte Tragödien ab. Schreiende Kinder suchten Zuflucht in den Armen ihrer Mütter oder Väter, denen die blanke Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Man muss sie erlebt haben, diese Ohnmacht, diese rasende Angst inmitten eines Infernos krachender Bomben und sich unwillig schüttelnder Häuserwände. Sie ist unbeschreiblich, diese absolute Hilflosigkeit, dieses totale Gefühl des völligen Ausgeliefertseins, das schließlich den Wunsch aufkommen lässt, wenn es denn nun schon zu Ende gehen soll, dann bitte schnell, bitte, bitte, bitte sehr schnell.

Dieser Bombenangriff galt zweifellos dem Eisenbahnknotenpunkt Neumünster mit dem Eisenbahnausbesserungswerk. Es wurde ganze Arbeit geleistet. Ein nicht unerheblicher Teil des Neumünster zugedachten Bombenteppichs breitete sich über die Stadtgrenzen hinweg nach Norden und Nordosten von Aspe über Einfeld bis Bokhorst und Groß Kummerfeld aus. Schlimm dran waren jene Bürger, die sich in den Gärten Brachenfelds und im Brachenfelder Gehölz vor dem Unheil sicher wähnten. Neben Tungendorf wurde gerade dieser Bereich schwer getroffen.

Nach tagelangen Aufräumungsarbeiten, nach der fieberhaften Suche nach Verletzten und Toten wurden in Neumünster 293 Todesopfer registriert. Von nun an löste jeder Fliegeralarm panikartigen Schrecken aus. Wie von Sinnen stürmten die Menschen hinaus aus der Stadt. Sie verbrachten ganze Nächte in den Feldern und Wäldern rund um Neumünster. Frauen und Kinder quartierten sich wochenlang in den Scheunen der Bauern von Wasbek, Padenstedt, Ehndorf und anderen umliegenden Dörfern ein. Eine kaum zu überbietende Trostlosigkeit gewann die Oberhand.

Versorgung brach zusammen
So neigte sich das Kriegsjahr 1944 seinem Ende zu. Es hatte fürwahr alle schrecklichen Befürchtungen bei weitem übertroffen. Zur ständigen Bedrohung des nackten Lebens gesellte sich die durch die Umstände bedingte Unfähigkeit, selbst die elementarsten Bedürfnisse des täglichen Lebens auch nur annähernd ausreichend zu befriedigen. Strom- und Gasausfälle waren an der Tagesordnung. Kohle für den Hausbrand stand nicht zur Verfügung. Als Brennmaterial wurde das geborstene Holz aus den zerstörten Häusern gewonnen. Die Ernährungslage gestaltete sich zunehmend dramatisch. Unter dem Einfluss der Entbehrungen und Strapazen breitete sich die längst für besiegt gehaltene Tuberkulose in beunruhigender Weise aus.

Der 7. April 1945 entpuppte sich auch für die Neumünsteraner zunächst als wunderschöner Frühlingstag. Es war Mittagszeit, als der Anflug feindlicher Bomberverbände gemeldet wurden. Es war kurz nach 13 Uhr, als sich das tiefe Brummen mit dem Pfeifen fallender Bomben vermischte. Und dann ging es auch schon los.

Bis auf wenige einzelne, wie durch ein Wunder erhaltene Häuser bot sich den Blicken nur ein grauenhafter Anblick völliger Zerstörung dar. Über die Straße am Teich war kein Durchkommen. Zu gewaltig und zerklüftet hatten sich dort die bizarren Trümmerhaufen breitgemacht. Nicht viel besser sah es am Kuhberg aus. Die Straße war als solche nicht mehr erkennbar.

Die Neumünsteraner Bevölkerung musste zur Kenntnis nehmen, dass bei diesem Angriff fast 600 Tote, überwiegend Kinder und Frauen zu beklagen waren.

Der erneute psychologische Schock bewirkte aber, dass fortan bei jedem Alarm fast die gesamte Bevölkerung wie von Furien gejagt die Stadt verließ. Nur dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass bereits sechs Tage später, am 13. April, bei dem schwersten aller je auf Neumünster gerichteten Luftangriffe nur 34 Menschen den Tod fanden.

Von der Masse der Bevölkerung unbemerkt fuhren am späten Nachmittag des 3. Mai 1945 zwei britische Panzerwagen am Rathaus vor. In einer kurzen Besprechung der englischen Offiziere mit Oberbürgermeister Kracht wurden die Modalitäten der kampflosen Übergabe festgelegt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich durch Neumünster die Nachricht, dass die Engländer am folgenden Tage, dem 4. Mai 1945, in Neumünster einrücken würden.

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