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Lesung in der Stadtbücherei : Erotischer Dichter und altes Ekel

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Jochen Missfeldt las vor 50 Zuhörern aus seinem Buch „Du graue Stadt am Meer – Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2013 | 17:00 Uhr

„Theodor Storm war eine hochnervöse, hypochondrische Persönlichkeit!“ So lautet das Urteil von Jochen Missfeldt über den 1817 in Husum geborenen Schriftsteller und Lyriker Theodor Storm. Missfeldt muss es wissen: Sechs Jahre hat sich der in Nordfriesland lebende Autor intensiv mit dem Leben und Werk Storms auseinander gesetzt.

Missfeldt hat viel Zeit im Husumer Storm-Zentrum verbracht und tausende von Briefwechseln zwischen Storm und seinen Zeitgenossen in der Kieler Landesbibliothek studiert. Im Frühjahr erschien nun das Ergebnis seiner akribischen Arbeit in gedruckter Form. Am Donnerstagabend las Missfeldt ausgewählte Passagen aus dem Buch in der Stadtbücherei vor. Trotz des ungemütlichen Herbstwetters hatten sich 50 Gäste eingefunden.

Knapp 500 Seiten, davon alleine 40 für den detaillierten Anhang reserviert, zählt Jochen Missfeldts Buch „Du graue Stadt am Meer – Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“.

„Noch eine Storm-Biografie? Über den bekannten Novellisten und Lyriker ist doch alles gesagt, oder?“ Bereits vor der Lesung gab es unter den fachkundigen Besuchern rege Diskussionen. Auch der Gastgeber der Lesung, der Büchereileiter Dr. Klaus Fahrner, bescheinigte Missfeldt Mut: „Wer die komplexen Zusammenhänge rund um Theodor Storm aus einer neuen Perspektive schreiben will, braucht sehr viel Eigensinn“, sagte Fahrner in seiner Begrüßungsrede.

Jochen Missfeldt ließ sich davon nicht beirren. Ruhig trat er an den Lesetisch und begann aus dem ersten Kapitel „Wolken über Land und Meer“ zu lesen. Detaillierte Beschreibungen der Westküste führen in das Buch ein. Mit unglaublicher Leichtigkeit und atmosphärischer Dichte zeichnet Missfeldt die Besonderheiten dieser Landschaft nach. „Wenn der Wind über die Küste weht, bremst ihn das Land. In tausend Meter Höhe entstehen die wunderbaren Wolken. So hat auch Storm die Wolken gesehen.“

Einen ganz anderen Ton schlägt Missfeldt im dritten Kapitel an. Kursiv gedruckte Zitate lässt er in seinen eigenen Text einfließen und bringt dem Leser so Storms Charakter näher. In der Gegenüberstellung „Storm gegen Fontane, Fontane gegen Storm“ erfährt man ganz nebenbei und auf amüsante Art vieles über den Menschen Theodor Storm.

Gerade dieses nicht streng literaturwissenschaftliche Vorgehen macht den Charme der neuen Storm-Biografie aus. Jochen Missfeldt greift zu ungewöhnlichen Mitteln, um den berühmten Husumer mit all seinen Facetten darzustellen. „Altes Ekel“ zitiert er das Urteil einer Zeitgenössin und lässt dann Storms erotisches Liebesgedicht „Zur Nacht“ folgen.

„Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte Theodor Storm für einen der größten Literaten des 19. Jahrhunderts. Aber als Charakter hat er mich verstört“, stellte Missfeldt in der anregenden Diskussion nach der einstündigen Lesung klar.

 

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