Tuch + Technik in Neumünster : Erinnerungsstücke an 129 Jahre Karstadt in der Stadt

Der historische Karstadt-Anzug wirft noch viele Fragen auf. Museumsdirektorin Astrid Frevert versucht, sie zu lösen.
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Der historische Karstadt-Anzug wirft noch viele Fragen auf. Museumsdirektorin Astrid Frevert versucht, sie zu lösen.

Das Museum hat zur Schließung des Warenhauses zahlreiche Exponate neu in den Fundus aufgenommen.

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03. November 2020, 08:00 Uhr

Wie schnell etwas, das bisher ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte, plötzlich Vergangenheit werden kann, erlebten die Neumünsteraner in den vergangenen Wochen hautnah mit. 129 Jahre lang bot Karstadt in der Innenstadt zuverlässig seine Waren an, Mitte Oktober wurden die Türen endgültig geschlossen. Im Museum Tuch + Technik sah man das Ende des Warenhauses natürlich sofort unter dem Aspekt der Stadtgeschichte und wurde aktiv, um einige interessante Stück als Erinnerung für die Neumünsteraner zu bewahren.

„Wir haben uns im September an die Geschäftsführung gewandt und gefragt, ob es einige Exponate gibt, die für die Sammlung des Museums geeignet seien“, erzählt Direktorin Astrid Frevert. Bei Christina Schuster von Karstadt Neumünster stieß sie sofort auf offene Ohren. Man traf sich bei Karstadt, sichtete so manchen Schatz und durfte geeignete Exemplare als Geschenk auswählen – seitdem ist das Museum im Besitz zahlreicher spannender neuer Exponate. Zurzeit werden sie aufgearbeitet, fachlich bewertet und katalogisiert.

Das spektakulärste Stück, das das Museum jetzt sein Eigen nennen kann, ist ein schwarzer, schmal geschnittener Herrenanzug. „Den bekam Karstadt Neumünster zum 125. Bestehen von einer Neumünsteranerin als Mitarbeiter-Anzug überreicht“, erzählt Astrid Frevert. Doch wurde das gute Stück wirklich als Dienstkleidung angezogen? Die Museumschefin hat da Zweifel. „Er sieht vom Schnitt eher wie ein Abendanzug aus, ist aus einem guten Wollstoff mit Satin am Revers“, erklärt sie.

Sicher ist: Der Anzug wurde getragen. Das zeigen Abnutzungsspuren an den Knöpfen. Die Ärmelaufschläge hingegen sind noch wie neu. „Das spricht gegen einen Arbeitsanzug“, sagt Astrid Frevert. Sie hat sich mittlerweile an Holger-Philipp Bergt aus Bremen gewandt, der als ausgewiesener Experte gilt, wenn es um die Historie Karstadts geht. Der Fachmann zweifelt ebenfalls daran, dass es sich bei dem Kleidungsstück um einen Mitarbeiter-Anzug handelt. „Die hatten in der Regel ein kürzeres Revers“, weiß Bergt.

Unstrittig ist: Der schicke Anzug aus den 1930er-Jahren wurde extra für die Karstadt-Filiale Neumünster hergestellt. Das weist ein Etikett am Kragen aus. Vielleicht war es sogar eine Maßanfertigung. Noch ist die Recherche der Fachleute lange nicht am Ende. „Das ist typisch für Museumsarbeit: Man muss Schritt für Schritt herausfinden, wie die Zusammenhänge sind“, berichtet die Museumsleiterin.

Das gilt natürlich auch für alle anderen neuen Karstadt-Exponate, die jetzt fachlich eingeordnet werden müssen. Da ist ein gestickter Anstecker, der zum 100-jährigen Bestehen gefertigt wurde. Ein alter Kleiderbügel aus der Filiale in Kiel gehört neuerdings ebenso zur Sammlung wie historische Bilder, Zeitungsartikel und Werbeanzeigen sowie Kopien aus dem Firmenregister aus dem 19. Jahrhundert. Spannend ist außerdem ein Karton mit Kassenbons. Sie sind das Resultat eines Aufrufs aus 2011: Damals suchte die Filiale in Neumünster in einer Mitmachaktion bei den Kunden den ältesten Kassenbon. Der Sieger-Kassenzettel stammt vom 30. April 1938. Allerdings liegt er dem Museum leider nur als Kopie vor. Die Besitzerin mochte sich damals vom Original nicht trennen. So ist das halt manchmal mit geschichtsträchtigen Erinnerungsstücken.

>Um zum Abschied noch einmal an Karstadt zu erinnern, zeigt das Museum Tuch+Technik seit gestern in der Fensterfront eine Fotoausstellung des ehemaligen Courier-Fotografen Walter Erben zu dem Kaufhaus.


>Die in dieser Serie vorgestellten Exponate werden vom 10. Dezember 2020 bis 28. Februar 2021 in einer Ausstellung im Museum Tuch+Technik zu sehen sein.

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