Zeitgeschichte : Erinnerungen an das Kinderferiendorf

Fröhlich kamen die Kinder ins Kinderferiendorf gestürmt.
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Fröhlich kamen die Kinder ins Kinderferiendorf gestürmt.

Ute Wurr schrieb 1963 ihre Jahresarbeit über die Einrichtung, die Kindern aus armen Familien schöne Ferienerlebnisse ermöglichen sollte

Gabriele Vaquette2.jpg von
13. Juli 2014, 12:45 Uhr

Ach ja, so war das damals! – Beim Betrachten der historischen Walter-Erben-Bilder im Courier erinnerte sich Ute Wurr aus Mölln an schöne Tage im Stadtwald. Die heute 68-Jährige lebte von 1950 bis 1967 in Neumünster, ging auf die Eichendorff-Schule an der Schillerstraße (heute Freiherr-vom-Stein-Schule) und schrieb 1963 ihre Jahresarbeit über das Kinderferiendorf.

Die Schrift existiert noch heute. Auf 57 Seiten schildert die Realschülerin darin ihre Eindrücke als Helferin für das damals neu errichtete Dorf, in dem auch Kinder aus sozial schwachen Familien ihre Ferienerlebnisse haben sollten. „Ich schrieb über dieses Thema, weil ich schon damals von dieser Einrichtung überzeugt war“, sagt Ute Wurr.

In ihrer Arbeit gibt es einige alte Bilder und Courier-Artikel. Ute Wurr, geborene David, beschreibt aber auch die Entstehung des Dorfes und die damaligen Verhältnisse. Nach dem Beschluss der Ratsversammlung wurden zunächst Zelte aufgestellt, später Blockhütten errichtet, um den Kindern eine wetterfeste Unterkunft bieten zu können. 1961 wurde das erste Kinderferiendorf eingeweiht, zwei Jahre später half Ute Wurr 14 Tage lang als Betreuerin. Insgesamt gab es drei Maßnahmen für je 100 Kinder.

In ihrem Bericht beschreibt Ute Wurr die ärmlichen Verhältnisse in einigen Stadtquartieren: „Verschmutzte Kinder spielten auf der Straße.“ Diese Kinder, die „unschuldig das Los ihrer Eltern teilen müssen“, hätten einen Anspruch auf Nestwärme und Ferien.

Ausführlich schildert die Autorin das Lagerleben: „Jeden Morgen gab es zwei Rosinenbrötchen und eine Milchtüte.“ Vor dem Essen wurde ein Lied gesungen. Beliebte Mahlzeiten sind Eier mit Senfsoße, Grieß mit Backobst, Hühnerfrikassee mit Spargel, Karbonade und Fischfilet.

Die Schülerin ist erstaunt über das Vertrauen der Kinder: „Fröhlich lärmend kamen die Kinder angelaufen und umringten uns lachend wie alte Bekannte. Sie sind so vertrauensvoll, dass man ein wenig beschämt ist ob all dem Zweifel, den wir manchmal gegen andere Menschen hegen.“ Mit Spielen wie Plumpsack, Kreisspielen oder „Ringlein, Ringlein, Du musst wandern“ werden die Kinder beschäftigt oder Ausflüge in den „Tiergarten“ unternommen.

Zum Ende des Feriendorf-Aufenthalts gab es jeweils ein Abschiedsfest. Die Kinder bildeten eine „Pankoken-Kapelle“, spielten Zirkus, und die „Tanten“ – so nannten die Kinder ihre Betreuerinnen – mussten in dicken Jacken bei einer „Tantenstaffel“ Hindernisse überwinden.

Noch heute ist Ute Wurr überzeugt von dem Modell, so wie sie es am Ende ihrer Jahresarbeit schreibt: „Ich hoffe, dass andere Städte diesem Beispiel folgen. Die Stadt Neumünster verdient ein großes Lob für die Einrichtung eines Jugendferiendorfes.“

Das war auch Thema beim Wiedersehen der Eichendorff-Schülerinnen. Mit ihren ehemaligen Schulkameradinnen machte sie im April dieses Jahres eine Führung durch die Stadt. Beim Anblick des abgerissenen Courier-Hauses kamen weitere Erinnerungen hoch: „Klassentreffen hatten wir auch mal im Presse-Keller. Außerdem wurde meine Jahresarbeit dort unten beim Courier gebunden.“

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