Erinnerung an eine Königsberger Tradition

Vom Turm der Königsberger Schlosskirche herab  wurden jahrhundertelang Choräle und besinnliche Musik in alle Himmelsrichtungen geblasen. Foto: Privat
Vom Turm der Königsberger Schlosskirche herab wurden jahrhundertelang Choräle und besinnliche Musik in alle Himmelsrichtungen geblasen. Foto: Privat

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04. Dezember 2010, 07:46 Uhr

Neumünster | Seit mehreren Jahren ist es üblich, dass einige Bläser aus den kirchlichen Posaunenchören an den Adventssonnabenden vom Turm der Vicelinkirche blasen. Das erinnert mich an eine alte Tradition in meiner Heimatstadt Königsberg in Preußen, dem heutigen Kaliningrad.

Seit Jahrhunderten gab es das Turmblasen auf Burgen und, wenn es eine Residenz war, fast auf jedem Schloss. In Königsberg gehörte es seit dem 14. Jahrhundert zum festen Bestandteil der städtischen Ordnung. Dem auf dem Schloss wohnenden, beeidigten Türmer oblag es nach einer herzoglichen Verfügung aus dem Jahre 1626, morgens um 4 Uhr das Tor "aufzublasen" und abends um 20 Uhr "zuzublasen", ebenso von seiner hohen Warte aus Feuer zu melden oder hohen Besuch anzukündigen. Ein Jahr später erhielt er auch den Auftrag, um 4 Uhr nachmittags einen Choral zu blasen.

Als im 17. Jahrhundert Ostpreußen mit der Hauptstadt Königsberg kurfürstlich-brandenburgisch wurde, mussten aus Ersparnisgründen die Hofmusiker des Herzogs entlassen werden. Festbesoldete Stadtmusiker übernahmen das Choralblasen, welches zu allen Jahreszeiten täglich ausgeführt werden musste. Deshalb waren es auch keine Weihnachtslieder. Lange Zeit bestand dieses Ritual aus drei Chorälen täglich. Seit 1840 blieb es unverändert mit zwei Chorälen erhalten. Sie bliesen vormittags um 11 Uhr den Choral "Ach bleib mit deiner Gnade" vom Turm der Schlosskirche, je eine Strophe in die vier Himmelsrichtungen. Unterhalb des Schlossberges befand sich der Kaiser-Wilhelm-Platz, ein Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Ein Polizist regelte mit Armbewegungen den Verkehr der Pferdewagen, Autos und Straßenbahnen. Doch das Blasen war zu hören und mahnte zur Besinnung.

Abends um 21 Uhr erklang in die Abendstille hinein: "Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es ruht die ganze Welt" - ebenfalls nach den vier Seiten des Schlossturmes. So stiegen Tag für Tag vier Bläser der Stadtkapelle die 240 Stufen bis zum Rundgang unterhalb des Turmhelms empor. Diese Überlieferung war in Königsberg eine fest verwurzelte Tradition. Auch war es üblich, dass die Stadtmusiker in mehreren kleinen Gruppen durch die Stadtteile zogen und immer wieder das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" spielten.

Dies alles hatte die Jahrhunderte, die russische Besatzung im Siebenjährigen Krieg, die Zeit Napoleons, die Revolution von 1848 und die Aufstände von 1918 unverändert überdauert. Die Stadtverwaltung förderte das Schlossturmblasen zu allen Zeiten. Als im Zuge der Gleichschaltung aller zivilen Institutionen im Jahre 1935 die Stadtmusiker reduziert wurden, bliesen auch Jugendliche aus dem Musikzug der Hitlerjugend die Choräle vom Schlossturm. Die Tradition wurde auch in dieser Zeit fortgeführt. Erst die Zerstörung des Schlosses durch englische Luftangriffe setzte dem Schlossturmblasen im August 1944 ein Ende.

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