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Gerichtsbericht : Erfahrener Angeklagter belehrte den Richter

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Nachdem einer Frau das Rad gestohlen worden war, entdeckte sie es in der Innenstadt.

von
erstellt am 07.Jan.2016 | 18:12 Uhr

Neumünster | Nur der Aufmerksamkeit und Hartnäckigkeit einer traurigen Fahrradbesitzerin ist es zu verdanken, dass sich gestern ein Neumünsteraner (34) als Angeklagter wegen Diebstahls vor Gericht wiederfand. Der Frau (37) war nämlich Ende März im Jahr 2014 ihr Rad aus einer Tiefgarage an der Christianstraße gestohlen worden. „Es war aus einem Baumarkt, kostete 79 Euro. Ich war sehr traurig. Ich mochte mein Fahrrad so sehr“, sagte sie gestern als Zeugin. Und weil ihr ihr Drahtesel so fehlte, ging sie auch fortan mit offenen Augen durch die Stadt – fast ein Jahr lang. Dann hatte sie Glück.

„Ich wollte meine Tochter von der Schule abholen, da sah ich an der Vicelinstraße plötzlich eine Frau mit meinem Fahrrad“, erzählte sie. Sofort sprach sie die Fremde an. Die wiederum fiel aus allen Wolken. Immerhin hatte sie das Rad selbst gerade günstig gekauft. Die beiden Radbesitzerinnen riefen deshalb einvernehmlich die Polizei. „Ich konnte schnell beweisen, dass es mal mein Rad war. Über dem Sattel war eine Tüte. Ich wusste, dass bei meinem Rad an einer bestimmten Stelle im Sattel ein Loch war. Als der Polizist die Tüte wegschob, fand er es sofort, und ich durfte mein Rad mit nach Hause nehmen“, schilderte die Zeugin. Die andere Frau berichtete den Ermittlern später, bei wem sie das Rad erworben hatte. Der stadtbekannte Drogen-Dealer, der gestern trotz Ladung nicht als Zeuge vor Gericht erschien, wollte das Rad wiederum von dem Angeklagten bekommen haben. So sagte er es der Polizei.

„Ich brauchte so ein Damenrad gar nicht“, beschwerte sich der Beschuldigte gestern vor Gericht. In allen Einzelheiten schilderte er stattdessen das edele Carbon-Fahrrad, das er zum gleichen Zeitpunkt besessen und für 3600 Euro von dem Dealer auf Raten gekauft haben haben will. Dummerweise sei es ihm später auch gestohlen worden. Warum der private Radhändler und Haschischverkäufer ihn mit dem Damenrad in Zusammenhang gebracht hatte, konnte er den Juristen nicht erklären.

Stattdessen nahm der Mann seine Verteidigung geschickt selbst in die Hand. Etwas anderes blieb ihm auch nicht übrig, denn sein Anwalt war zum Skilaufen gefahren und konnte ihm gestern fachlich nicht zur Seite stehen. „In dubio pro reo – das heißt im Zweifel für den Angeklagten“, belehrte der Neumünsteraner forsch die Prozessbeteiligten, als sich die Juristen gerade über eine mögliche Einstellung des Verfahrens Gedanken machten. Dann beteuerte er: „Ich habe noch nie vor Gericht gelogen. Und dabei wurde ich schon häufig verurteilt.“ Damit hatte der Mann zum Teil nachweislich Recht: Rund 20 Eintragungen zählte der Richter auf der Liste der Vorstrafen.

Zwei Vorfälle aus der Vergangenheit spielten in dem Prozess jetzt noch einmal eine Rolle, als es um eine Entscheidung über den möglichen Fahrraddiebstahl ging. Laut Anklage fand der nämlich zeitnah mit zwei weiteren Taten – einer fahrlässigen und einer vorsätzliche Trunkenheit im Verkehr – statt, die bereits ausgeurteilt wurden und somit in die Entscheidung hätten mit einbezogen werden müssen. „Da würde das geklaute Rad nicht ins Gewicht fallen“, erklärte der Richter und stellte die Sache als unwesentliche Nebenstraftat ein.

Der Angeklagte war damit durchaus einverstanden. Musste er doch ohnehin zurück ins Gefängnis. „Ich bin ja auch wirklich gestraft genug. Immerhin sitze ich schon, weil ich betrunken Rad gefahren bin“, klagte der Mann. Dummerweise waren ihm beide Touren nämlich unter laufender Bewährung passiert.

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