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Gottesdienste : Entertainment in Kirchen ist gefragt

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Propst Stefan Block begründet den Erfolg von innovativen Gemeinden wie in der Lutherkirche mit dem passenden Milieu in der Stadt.

shz.de von
erstellt am 19.Sep.2013 | 17:00 Uhr

Vergangenen Sonnabend wurde mit Heilig Kreuz in Tungendorf die zweite katholische Kirche in Neumünster nach St. Bartholomäus geschlossen (der Courier berichtete). In der evangelisch-lutherischen Kirche steht so ein Schritt vorerst nicht an. „Wir haben stabile Verhältnisse“, sagt Propst Stefan Block. Er weiß, dass die Zahl der Gottesdienstbesucher auch in vielen evangelischen Gemeinden rückläufig ist. „Das gesellschaftliche Klima hat sich gewandelt. Heute muss sich keiner mehr im Bekanntenkreis rechtfertigen, wenn er nicht in der Kirche ist“, sagt er. Einen direkten Zusammenhang mit der Gestaltung der Gottesdienste will der Propst zwar nicht ziehen. „Das Konzept verhindert keinen Austritt.“ Dennoch spiele die Ausrichtung der Gemeinde eine entscheidende Rolle. Block unterscheidet zwei Formen von Gottesdiensten: den „bürgerlich-klassisch-kulturellen“ und den „für ein Publikum, das an Innovation, moderner Kommunikation und Experimenten interessiert ist“, wie er sagt. „Gerade für die zweite Form gibt es in Neumünster, anders als etwa in Lübeck, ein großes Milieu. Viele hier mögen Entertainment in der Kirche.“ So erklärt er auch den Erfolg der Wicherngemeinde in Faldera und vor allem den der beiden Tungendorfer Gemeinden. In die drei Gottesdienste der Andreasgemeinde an der Wilhelminenstraße strömen nach Angaben der Pastoren Sven Warnk und Christian Grabbet jedes Wochenende 300 bis 400 Gläubige, darunter viele Jugendliche. Die Luthergemeinde an der Schulstraße erreicht sogar allein jeden Sonntag durchschnittlich rund 150 Menschen. Nicht selten sind es nach Auskunft von Pastor Christian Hübscher sogar bis zu 300. Er hat dafür ein einfaches Rezept: „Die Menschen fühlen sich bei uns willkommen.“ Kirche verstehe er als „kommunikatives Ereignis, sowohl horizontal wie vertikal“. Was Hübscher meint: Nicht nur die Beziehung zu Gott, also nach oben, ist wichtig. Ihm kommt es auch darauf an, dass die Gläubigen mitbestimmen können, sich einbringen, aus ihrem Leben erzählen, sich austauschen – und das in harmonischer, ja familiären Atmosphäre. Das Credo des 60-Jährigen heißt zudem Modernität. Stolz präsentiert er die ausgefeilte Technik in der 2011 zum Lutherzentrum umgebauten und erweiterten Kirche. Allein zwei Leute sitzen jeden Sonntag am Technik-Pult. Sie regeln das Licht, den Ton, fahren aber auch schon mal den Beamer und die Leinwand für Videos aus oder werfen digital die Strophen der zu singenden Lieder an die Kirchenwand. Wer keinen Platz mehr im Kirchensaal gefunden hat, kann den Gottesdienst im Nebenraum über Monitore verfolgen. Für Mütter oder Väter mit Kindern gibt es einen abgetrennten Sitzbereich mit Spielecke, die Küche ist kinderfreundlich eingerichtet, die Toiletten sind behindertengerecht. Für die Besucher stehen Lesebrillen, Rollator und Bonbons gegen eine raue Stimme zur Verfügung. Hübscher lobt seine 120 ehrenamtlichen Helfer und legt viel Wert auf persönlichen Kontakt. Alle Gäste werden sonntags per Handschlag begrüßt. Im Anschluss an die Gottesdienste werden im Schnitt 100 Tassen Kaffee ausgeschenkt. „In einer hochtechnisierten Zeit, in der das Geld aus dem Automaten kommt, sehnen sich die Menschen nach Gemeinschaft“, sagt er. Und sein Konzept geht auf. Hübscher verweist auf die vielen Gläubigen, die aus anderen Gemeinden zu ihm kommen. Dabei weiß der Pastor durchaus, dass er auch Kritiker hat. Zu fromm, zu sektenhaft sei seine Ausrichtung, werfen ihm manche vor. „Ich führe ein Leben, das Gott ehrt, aber im Mittelpunkt steht der Mensch“, sagt er. Mit verstaubten Gottesdiensten räumt er gnadenlos auf: „Predigten müssen lebensnah sein, nicht akademisch. Keiner spricht heute mehr so wie Luther.“ Propst Stefan Block würdigt diese Ausrichtung, will aber die klassischen Gemeinden nicht abgeschrieben wissen. „Auch in der Gartenstadt, in Gadeland und Einfeld läuft es, weil die Pastoren gute Arbeit machen. Und gute Arbeit zahlt sich immer aus.“

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