Neumünster : Einst die größte Lederfabrik

Der Metall-Stich zeigt die Ausmaße der Lederfabrik Sager, die sich mit ihren Rieselfeldern über 75 Hektar Fläche erstreckte.
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Der Metall-Stich zeigt die Ausmaße der Lederfabrik Sager, die sich mit ihren Rieselfeldern über 75 Hektar Fläche erstreckte.

Heimatforscher Hermann Büttner will die Chronik der Lederfabrikanten-Familie Sager dem Museum Tuch + Technik vermachen.

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02. März 2018, 08:30 Uhr

Neumünster | Einen echten Schatz aus Neumünsters Geschichte als Leder- und Tuchmacherstadt hat Hermann Büttner. Der Heimatforscher hat von Anke Fuchs, einer Nachfahrin von Hermann Sager, die Familienchronik der für Neumünster so bedeutenden Fabrikantendynastie erhalten.

„Leder Sager war mit 800 Beschäftigten und 75 Hektar Betriebsgelände eine der größten Fabriken in Neumünster“, sagt Büttner. Der frühere Textilingenieur hat sich der Geschichtsforschung zu seinem Geburtsort Brachenfeld und der Tuch- und Lederindustrie Neumünsters verschrieben.

„Mein Vater war Betriebsleiter bei Bartram am Kleinflecken, ich selbst habe bei Sager Söhne gelernt“, erzählt Büttner. „Auf der Ahnentafel ist zu sehen, wie Neumünsters Fabrikanten-Adel miteinander verwandt ist, also die Tuch-Sagers und die Leder-Sagers“, sagt Büttner.

Das Gelände der Lederfabrik Sager reichte von der Heider Bahn bis zum Flugplatz in der späteren Böcklersiedlung. Einen Großteil der Fläche machten die Rieselfelder aus, auf denen die Gerbereiabwässer verrieselt wurden und die ab 1911 als Baumschule genutzt wurden.

Die Kombination aus Industriebetrieb und Landwirtschaft erscheint aus heutiger Sicht seltsam. Damals schien das aber sehr zweckmäßig. Die Lederfabrikation erforderte täglich mehrere Millionen Liter Wasser, die bei Sager in eigenen Brunnen gewonnen wurden.

Probleme bereiteten die mit Milzbranderregern verseuchten Abwässer, die jahrelang einfach über die Schwale und Stör abgeleitet wurden, sodass „Fischfang und anliegende Weiden bis zur Mündung in die Elbe schwer gefährdet wurden“, heißt es in der Chronik. Abhilfe schufen die Rieselfelder. Die Milzbrandsporen schlummern aber noch heute als Altlasten im Untergrund.

Das Firmengelände am Stadtwald hatte einen eigenen Gleisanschluss. Von der Heider Bahn aus kamen ganze Güterzüge mit Eichenrinde und Gebracho-Holz mit einem besonders hohen Gerbstoffanteil. Aus ihnen wurde damals die Lohe zum Gerben hergestellt.

Der Unternehmer Carl Sager wurde 1901 Stadtverordneter und war von 1910 bis 1921 Stadtrat. Im Ersten Weltkrieg spendete Sager viel Geld an Stiftungen für Kriegsbeschädigte und an eine Wohlfahrts-Stiftung zur Unterstützung der eigenen Beschäftigten. Als er 1924 starb, hatte sich die Firma gerade von den Folgen der Hyperinflation erholt. Doch in der folgenden Weltwirtschaftskrise ging das Unternehmen in den Konkurs.

Das Fabrikgelände wurde abgerissen, planiert und 1934, als die Nationalsozialisten mit der Aufrüstung begannen, von der Stadt gekauft. Auf dem Areal entstand 1937 die Hindenburg-Kaserne. „Die Baumschule existierte noch einige Jahre länger als die Lederfabrik und wurde an den früheren Obergärtner Harms verkauft“, weiß Hermann Büttner zu berichten. Die Sagersche Familienchronik will er an das Museum Tuch + Technik übergeben. „Sie soll als Kulturgut den Neumünsteranern erhalten bleiben und nicht bei mir im Keller schlummern“, sagt der Heimatforscher.

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