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Theaeter : Eine subtile Abrechnung auf dem Friedhof

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das Ernst-Deutsch-Theater aus Hamburg zog mit dem Stück „Gift“ rund 400 Zuschauer im Theater in der Stadthalle in seinen Bann

Neumünster | Beim Betreten des Zuschauerraums blickt man auf ein idyllisches Bild – eine offene Laube in einer nicht definierbaren Umgebung, im Hintergrund hohe Bäume, auf der Bühne Stühle und Bänke. Das Angenehme der Atmosphäre ist trügerisch und wird schon durch die ersten Sätze aufgehoben: „Sie“ und „Er“ treffen sich auf einem Friedhof.

Das Bühnenbild (Peter Schmidt) bietet die Möglichkeit, Szenen räumlich „draußen“ und „drinnen“ spielen zu lassen und dadurch das gefühlte Innen- und Außenleben der Protagonisten bildlich zu unterstützen. „Gift“ ist der irreführende, mehrdeutige Titel eines in sich geschlossenen Dramas, eines Kammerspiels von intensiven 90 Minuten, geschrieben für zwei Schauspielerpersönlichkeiten von der Niederländerin Lot Vekemans. „Gift“ wurde 2009 in Gent uraufgeführt und inzwischen an etlichen deutschen Theatern nachgespielt. Am Donnerstagabend gastierte das Ernst-Deutsch-Theater aus Hamburg im Theater in der Stadthalle und zog rund 400 Zuschauer in den Bann.

Regisseur Wolfgang Stockmann vertraute den bis auf wenige Ausbrüche leisen, poetischen, wortkargen und doch so spannenden Dialogen, die um Verlust, Trennung und Trauer kreisen, und er vertraute seinen Darstellern, denen eine breite Palette von Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stand. Nina Petri und Nicki von Tempelhoff gelang es, Verstand und Emotionen der Zuschauer anzusprechen, Haltungen der Trauer und des Lebens nach der größten Katastrophe, die Eltern heimsuchen kann, sehr eindringlich, aber unaufdringlich darzustellen. „ Sie“ und „Er“ haben eine gemeinsame Vergangenheit, den Verlust ihres Sohnes Jakob und neun Jahre Trennung und Schweigen hinter sich. Nun hat die Frau dem Mann einen Brief geschrieben, dass das Grab ihres Sohnes verlegt werden muss, weil im Boden Gift (dass das eine Finte ist, wird bald klar) gefunden wurde, und er kommt, um den Fall mit ihr zu besprechen. Sie betrachten ihr gemeinsames Leben, das am Silvesterabend 1999 zu Ende ging. Erst verloren sie ihren Sohn, dann sich selbst und zuletzt einander.

Zwischen Abrechnung und Traurigkeit, Härte und Zärtlichkeit oszillieren die Szenen dieser Wiederbegegnung. Die Zuschauer werden Zeugen, wie „Sie“ und „Er“ einander zunächst belauern, behutsam schwierige Themen ansprechen, sich verletzen, sich schonen und allmählich zu den schmerzlichsten verschütteten Erinnerungen vordringen, endlich Unausgesprochenes benennen. Sie versuchen einander zu verstehen, auch zu trösten, obwohl es keinen Trost gibt, und können am Ende ruhiger für immer auseinandergehen. Nina Petri zeigte eine tief verunsicherte, verletzte Frau, die die Trauer zu ihrem Lebensinhalt werden ließ und diese Haltung nicht aufgeben kann und will. Sie verharrte in ihrem Schmerz, der ihr auch einen gewissen Schutz zu gewähren schien. Nicki von Tempelhoff zeigte einen Mann, dem es gelang, neue Lebensperspektiven zu entwickeln, der sich aber auch in einer besonders ausdrucksstarken Szene ganz in seine Trauer fallen lassen konnte. Das Publikum bedankte sich bei exzellenten Darstellern.

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