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Syrer aus Neumünster : „Eine politische Lösung gibt es nicht“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zwei Syrer aus Neumünster beobachten mit großer Sorge die Entwicklung in ihrem Heimatland und fordern einen Militärschlag des Westens.

Neumünster | Nein, ihren richtigen Namen wollen sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Familienmitglieder, Freunde und Bekannte sind noch in Syrien. Zu groß ist die Sorge, dass ihnen etwas zustoßen könnte. „Die syrischen Geheimdienste haben ihre Informanten überall“, sagt Amir*, und Hasan* ergänzt: „Es herrscht Anarchie in unserem Land.“ Der Courier traf die beiden gebürtigen Syrer aus Neumünster. Obwohl sie schon über 30 Jahre in Deutschland leben, haben sie noch enge Kontakte in ihr Heimatland, meist über Internet-Telefonie und soziale Netzwerke. Beide fordern ein schnelles militärisches Eingreifen des Westens, um „das Elend des Volkes“ schnell zu beenden. Bisher gab es in dem Konflikt über 100 000 Tote, Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Amir nimmt kein Blatt vor den Mund. „Wer sich derzeit in Syrien aus dem Haus traut, verabschiedet sich so, als würde er niemals zurückkehren.“ Schießereien, Plündereien, Folter und willkürliche Festnahmen seien an der Tagesordnung, sagt er: „Es gibt keine Bürgerrechte, dafür Chaos.“ Seine Brüder sind bereits nach Jordanien geflohen, dort bei Bekannten untergekommen. Präsident Baschar Assad (48) versuche mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben und unterdrücke das Volk mit aller Härte. Doch seit mehr als zwei Jahren wehren sich die Menschen, fordern mehr Gerechtigkeit und Demokratie. „Es ist kein Bürgerkrieg, sondern ein Volksaufstand gegen das Regime“, sagt Amir.

Assad habe nur etwa 15 Prozent der Syrer hinter sich, glaubt er. „Das sind Aleviten, in erster Linie aus der nordöstlichen Region um Assads Geburtsort Kurdaha bei der Küstenstadt Lattakia“, erklärt Hasan. Kein Mitglied einer anderen Glaubensrichtung habe die Chance, politisch einflussreiche Posten zu bekleiden. Obwohl dem seit 13 Jahren regierenden Präsidenten aber der breite Rückhalt im Volk fehlt, kann er sich nach wie vor an der Macht halten.

Amir macht dafür vor allem Russland verantwortlich. Der Kreml habe großes Interesse daran, dass Assad im Amt bleibe. „Syrien ist der einzige russische Verbündete in der Region und sichert Russland den Zugang zum Mittelmeer. An der Küste gibt es große russische Militärbasen“, sagt er. Zudem liefere das Land neben dem Iran Waffen nach Syrien. Und diese setze Assad auch ein. Amir und Hasan haben keinen Zweifel an dem Giftgas-Angriff vor wenigen Wochen in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus.

„Das syrische Volk und die Aufständischen warten sehnsüchtig auf das Eingreifen der USA und des Westens“, will Amir von Quellen aus Syrien erfahren haben. Von dem aktuellen Vorschlag, Assad solle seine Chemiewaffen abgeben oder unter internationale Kontrolle stellen, halten Amir und Hasan wenig. Das sei so, als sage man einem tausendfachen Mörder, er könne ungestraft weiterleben, wenn er nur seine Waffe abgebe. „Wir können den Westen nicht zum Eingreifen zwingen, aber es ist eine moralische Frage. Wie viel Leid in dem Land will man noch zulassen?“, fragt Amir.

Und Hasan, dessen Schwester noch im Norden Syriens wohnt, ist sich sicher: „Eine politische Lösung gibt es nicht. Wenn es zu keiner militärischen Intervention kommt, geht der Aufstand mit vielen Toten weiter. Das ist wie ein Tunnel, an dessen Ende es kein Licht gibt.“ (* Namen von der Redaktion geändert)

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