zur Navigation springen

Eingliederungshilfe für Behinderte : Eine Million Euro mehr vom Land

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ambulante Leistungen werden künftig honoriert. Stadt profitiert von neuem Bundesteilhabegeld

von
erstellt am 07.Feb.2014 | 06:30 Uhr

Die Stadt darf auf einen warmen Geldregen aus Kiel hoffen. Grund ist ein neuer Finanzierungsschlüssel bei der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung. Für die Stadt ist das ein großer Ausgabeposten: 2012 gab sie dafür bei 1313 Leistungsberechtigten knapp 20,3 Millionen Euro aus. Künftig werden davon eine Million Euro mehr vom Land erstattet.

Bisher wurden die Kosten folgendermaßen geteilt: Das Land zahlte für stationäre, die Stadt für ambulante Leistungen. „Nach dem bisherigen System waren wir mit unserem hohen ambulanten Anteil Verlierer“, sagte Holger Pohlmann, der Fachdienstleiter Soziale Hilfen, am Mittwoch im Sozial- und Gesundheitsausschuss. Künftig wird sich das ändern, denn nach den gesetzlichen Neuerungen trägt das Land seit Jahresbeginn 80 Prozent, die Stadt nur noch 20 Prozent bei allen Sozialleistungen. Die Einführung des sogenannten Bundesteilhabegeldes soll zu mehr Selbstbestimmung für die Betroffenen und zu einer finanziellen Entlastung der Kommunen führen.

„Das ist auch gerecht so. Wir werden dafür belohnt, dass wir die richtigen Strukturen haben“, sagte Sozialdezernent Günter Humpe-Waßmuth. Neumünster hat mit Abstand die höchste Dichte an Leistungsberechtigten in Schleswig-Holstein. 17 von 1000 Einwohnern bekommen Eingliederungshilfen. Im Landesmittel sind es gerade einmal zehn von 1000.

Der größte Posten in der Stadt sind mit rund 10,4 Millionen Euro Wohnunterstützungs-Leistungen, die Mehrzahl wird ambulant gewährt. Die Hilfen bei Arbeitsprojekten, Tages- und Tagesförderstätten machen rund sieben Millionen Euro aus, berichtete die bei der Stadt für die Eingliederungshilfe zuständige Abteilungsleiterin Susanne Fricke.

Ein landesweiter Datenvergleich stellt Neumünster ein sehr gutes Zeugnis aus: Hier stiegen die Kosten in den Jahre 2007 bis 2012 moderat um knapp fünf Prozent. In den anderen kreisfreien Städten und Kreisen lag die Steigerungsrate im – teils deutlichen – zweistelligen Bereich. Neumünster ist auch die einzige Stadt mit sinkenden Fallzahlen.

Dass die Kosten auch in Neumünster von 2011 auf 2012 um vier Prozent stiegen, liegt an der zunehmend integrativen Beschulung, die mit einer Auflösung der Förderzentren einhergeht. Die Matthias-Claudius-Schule ist schon aufgelöst, an der Gustav-Hansen-Schule werden keine Schüler mehr aufgenommen. Damit bleiben auf Sicht nur noch die Wichernschule und die Fröbelschule (als Förderzentrum mit dem Schwerpunkt geistige Behinderung) übrig.

Das bringt auch Probleme mit sich. „Die Strukturen in ‚normalen‘ Regelklassen sind noch nicht auf den inklusiven Unterricht vorbereitet“, sagte Humpe-Waßmuth. Zum Teil seien im Unterricht neben der Klassenlehrerin zwei bis drei sogenannte Schulbegleiter nötig. Zurzeit fühlten sich weder die behinderten noch die nichtbehinderten Kinder richtig gefördert. „Das Problem ist mittlerweile vom Land erkannt worden“, so Humpe-Waßmuth.

 

Der Courier-Kommentar:

Späte Belohnung für den richtigen Ansatz


2007 übertrug das Land die Eingliederungshilfe für Behinderte auf die Kommunen. Die sind ganz unterschiedlich betroffen. Anders als auf dem Land bieten größere Städte die Einrichtungen, Werkstätten und heilpädagogischen Leistungen – und haben deshalb auch mehr Leistungsberechtigte. In Neumünster galt und gilt dabei der Grundsatz ambulant vor stationär. Durch konsequente Hilfeplanung werden Kosten reduziert. Wo immer es geht, soll den Betroffenen etwa in ambulant betreuten Wohnformen ein Bleiben im gewohnten Umfeld ermöglicht werden. Belohnt hat das Land diesen kostengünstigen Ansatz bislang nicht. Die Stadt musste die ambulanten Hilfen aus seinem Sozialetat selbst stemmen, das Land trug nur die stationären Leistungen. Jetzt zeigt der Gesetzgeber ein Einsehen und ändert die Finanzierung. Der richtige Ansatz wird endlich belohnt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen