Theaterkritik : Eine irritierende und überzeugende Aufführung

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250 Zuschauer sahen im Theater der Stadthalle „Peer Gynt“ von Ibsen – ein schwieriges, vielschichtiges Stück Weltliteratur.

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15. November 2013, 08:00 Uhr

Ein schwieriges, vielschichtiges Stück Weltliteratur ist „Peer Gynt. Ein dramatisches Gedicht“ von Henrik Ibsen. Es ist das Gleichnis eines Menschen, der nach seiner Identität, nach dem „Gyntschen Ich“, sucht; es ist die Geschichte eines großen Lügners und Fantasten, der Kaiser werden will und sich doch nur eine Narrenkrone erwirbt. Der 39-jährige Ibsen schrieb das Drama 1867 in Italien als Abrechnung mit seiner norwegischen Heimat und verarbeitete Mythen, Märchen und Autobiografisches. Derb-sinnlich erscheint die bäuerliche Welt, gemein und böse das Reich der Trolle, unheimlich sind die Irren; nur Mutter Aase und das Mädchen Solveig lieben ihren Peer.

Das Landestheater präsentierte „Peer Gynt“ in einer bemerkenswerten, in manchen Teilen irritierenden, in vielen Teilen überzeugenden Inszenierung. Der umfangreiche Text war geschickt auf zweieinhalb Spielstunden komprimiert. Ein sehr variables Bühnenbild (Mirjam Benkner) schuf viele Spielebenen; nur wenige Requisiten und Kostümveränderungen waren nötig, um Atmosphäre herzustellen. Dabei assistierten auch untermalende Musik (Komposition: Christoph Coburger), interpretierende Lichteffekte (tolle „Schattenspiele“) und Video-Einspielungen, die mal wie Urlaubsfilme aus Norwegen („Idylle“ mit Steinschlag und Lawine), mal wie Blicke in das Innere der Personen wirkten.

Regisseur Wolfram Apprich nahm 250 Zuschauer mit auf die Reise durch die Welt, durch Peers Träume, Albträume und Imaginationen – gespickt mit Irrwegen, Erfolg und Scheitern, steter Unruhe und wenigen Glücksmomenten. Peer durchwandert ein ständiges Wechselspiel von Schein und Sein. Und auch Apprich verpasste dem Publikum Wechselbäder zwischen philosophisch-ernsthaft, böse-entlarvend, unheimlich, klamaukig, trollig-drollig-eklig – und das auch schon mal so übertrieben, dass es der Handlung nicht gut tat.

Aber auch diese Szenen, in denen die Darsteller zu einem hervorragend sprechenden Chor zusammenwuchsen, gelangen darstellerisch gut. Besonders beeindruckend und bewegend aber waren die Szenen, in denen Ibsen pur zu Wort kam, und das waren die Dialoge zwischen Peer und Mutter Aase (Ingeborg Losch) und zwischen Peer und Solveig (Friederike Butzengeiger), die durch ihren Glauben, ihre Hoffnung auf seine Wiederkehr und ihre Liebe Peer (vielleicht) erlösen kann.

Sehr gut auch die Gespräche, die Peer mit dem Krummen und dem Knopfgießer (beide René Rollin) führte. Mittelpunkt des Abends war Simon Keel, der Peer mit einer Fülle von Nuancen in Gestik, Mimik und Sprache ausstattete und kindlichen Trotz, unerschütterliche Naivität, pubertierendes Aufbegehren, machohaftes Gehabe, größte Freude und tiefsten Schmerz unmittelbar ausdrücken konnte. Eindringlich waren seine Monologe, die in der niederschmetternden Erkenntnis gipfeln: Mein ganzes Leben ist eine „Zwiebel“ – viele Schalen, aber kein Kern.

Zu Recht erhielt das Ensemble anerkennenden starken Beifall.

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