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Am Teich 4 : Eine Bankerin erinnert sich: „Welche Zeitung lesen Sie?“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Andrea Naeve (50) sieht den Abriss der einstigen Dresdner Bank mit Wehmut. Hier hatte sie mit 15 ihr erstes Vorstellungsgespräch

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erstellt am 10.Apr.2014 | 12:30 Uhr

Neumünster | Nur noch wenige Tage, dann nagt der Abrissbagger auch am Haus Am Teich 4. Andrea Naeve (50) sieht diesem Tag mit Wehmut entgegen. Öfter als sonst muss die Bankerin auf ihrem Weg zum Büro in der Commerzbank am Gänsemarkt an früher denken, daran wie alles begann . . .

Gerade mal 15 war sie, als sie 1979 die Filiale der Dresdner Bank am Teich zum ersten Mal betrat. Es war ihr erstes Vorstellungsgespräch überhaupt, entsprechend aufgeregt war sie. Gleich zwei gestandene Direktoren fühlten der Realschülerin auf den Zahn. Nur einmal sei sie ins Schwimmen gekommen, erinnert sich die Bankerin heute schmunzelnd: „Welche Zeitung lesen Sie denn?“, wollten die Herren wissen. Die Schülerin verwies vorsichtig auf den Holsteinischen Courier – und das war immerhin nur halb geflunkert. Der Courier lag zwar in ihrem Elternhaus auf dem Frühstückstisch, aber richtig gelesen habe sie ihn als junger Teenager „eher selten“, sagt Andrea Naeve augenzwinkernd.

Die Bank nahm sie trotzdem, und Andrea Naeve war stolz auf ihre Ausbildungsstelle: Bankangestellte waren gut angesehen, und dass die Dresdner 120 Mark mehr als die Konkurrenz bezahlte, war natürlich auch nicht zu verachten.

Mit der Filiale am Teich verbindet Andrea Naeve schöne, auch spannende Zeiten, wie sie sagt: „Wir waren ein gutes Team.“ Bis zu 45 Angestellte arbeiteten in den Büros auf zwei Etagen. Unter dem Dach wohnte der Hausmeister, gleichzeitig Botengänger der Bank. Der große Tresorraum im Keller war für Kunden nur über den Fahrstuhl und nur in Begleitung eines Mitarbeiters zu erreichen. Jede Abteilung musste regelmäßig einen Mitarbeiter für die „Frühschicht“ im Tresorraum abstellen. Per Hand und natürlich immer zu zweit wurden dort ab 7 Uhr morgens die Geldbomben ausgezählt, die die Kunden und Geschäftsleute über Nacht eingeworfen hatten. „Heute ist das kaum noch vorstellbar“, schmunzelt Andrea Naeve.

Bestimmendes Element im Bankgebäude war neben dem Tresorraum über lange Jahre vor allem der „Panzerglaswürfel“ in der Mitte des Eingangsfoyers: die Kasse. Die Geldversorgung der Kunden mit Bargeld war damals zentrale Aufgabe eines jeden Bankinstituts. „Es gab ja noch keinen Kassenautomaten, und auch Kartenzahlung war unbekannt“, erinnert sich die Bankerin an längst vergangene Zeiten.

Welche Verantwortung und auch Stress der Kassendienst bedeuten kann, hat Andrea Naeve persönlich erfahren. 1982 arbeitete sie mit einer erfahrenen Kollegin selbst im Glaswürfel, als das Kassensystem auf PC-Betrieb umgestellt wurde. Wie in anderen Betrieben kaum anders gab es natürlich auch bei der Bank Kinderkrankheiten im System; in der Startphase waren die Netzverbindungen noch nicht stabil. „Wir haben dann mitunter bis in den späten Abend die Nachbuchungen eingegeben“, sagt Andrea Naeve, die diese Zeit dennoch nicht missen möchte: „Die kleinen Pannen haben den Teamgeist geschärft.“

Gut zehn Jahre hat Andrea Naeve in der Filiale am Teich gearbeitet. 1989 wechselte sie, inzwischen zur Anlageberaterin fortgebildet, nach Kiel, später nach Rendsburg. Nur noch sporadisch kehrte sie nach der Familienpause in „ihre “ Filiale am Teich zurück. Dass das Gebäude jetzt endgültig verschwinden soll, sieht die dreifache Mutter mit einer ordentlichen Portion Wehmut: „Derzeit kann ich den Kindern noch zeigen: Da hab’ ich mal gelernt! Das ist wohl bald vorbei.“

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