Gerichtsbericht : Einbruch beim eigenen Arzt

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Weil er aus der Praxis Medikamente und Rezepte gestohlen hat, verurteilte das Amtsgericht einen 46-jährigen Neumünsteraner zu fünf Monaten Gefängnis. Dennoch ist er ab heute wieder frei.

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06. Februar 2018, 11:00 Uhr

Neumünster | Weil er in eine Kieler Arztpraxis eingebrochen ist und dort Medikamente und Rezeptblöcke im großen Stil gestohlen hat, ist ein 46-jähriger Neumünsteraner gestern vor dem Amtsgericht zu fünf Monaten Haft verurteilt worden.

Dennoch kommt der Mann heute auf freien Fuß. Die Strafe wird mit der Untersuchungshaft verrechnet, die der Drogenabhängige seit seiner Verhaftung in der JVA an der Boostedter Straße verbringt. Der Richter hob den Haftbefehl zur Erleichterung des geständigen Mannes noch im Gerichtssaal auf.

In der betroffenen Arztpraxis kannte sich der Neumünsteraner bestens aus: Wegen seiner Drogensucht war er bei dem Arzt seit längerem in Behandlung, zur Substitution hatte ihm der Mediziner wöchentliche Methadon-Rationen verordnet.

Pech des Patienten (und des Arztes): Nur wenige Tage vor dem Einbruch war dem damals wohnungslosen Mann seine komplette Methadon-Ration gestohlen worden. Den Verlust seinem Arzt zu gestehen, habe er sich nicht getraut, betonte der 46-Jährige vor Gericht: „Dann hätte ich meine Rationen wahrscheinlich täglich abholen müssen. Das konnte ich nicht.“

Auch die Versuche, sich bei Bekannten Ersatzdrogen zu „borgen“, verliefen im Sande. Als der Suchtdruck immer stärker wurde, entschloss sich der Neumünsteraner schließlich, seinem eigenen Doktor einen nächtlichen Besuch abzustatten.

Um in die Praxisräume zu gelangen, schraubte er eine Kunststoffverkleidung am Eingang ab, stieg durch die schmale Maueröffnung ein und durchstöberte Schränke und Schreibtische nach Verwertbarem – ohne dabei jedoch „seine“ Medikamente zu finden. Er habe deshalb „wahllos zugegriffen“ räumte er ein. Dabei seien ihm auch mehrere Rezeptblöcke in die Hände gefallen.

Weit kam er mit seiner Beute allerdings nicht: Als er sich mit einem Sprung aus dem Fenster davonmachen wollte, wartete draußen bereits die Polizei. Mehrere Beamte hätten ihn sofort und nicht eben zimperlich niedergerungen, beschwerte sich der Angeklagte: „Ich hatte noch lange Zeit Schmerzen.“

Der Staatsanwalt lobte zwar die erfolgreichen Bemühungen des Neumünsteraners, seine Drogensucht in den Griff zu bekommen – die Methadon-Dosis hat er während der U-Haft erheblich reduziert – forderte aber dennoch zehn Monate Haft. Der Verteidiger plädierte auf vier Monate Haft, die auf die U-Haft anzurechnen seien: Sein Mandant habe zur Tatzeit unter erheblichen Suchtdruck gestanden: „Er wusste sich einfach nicht anders zu helfen.“

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