Theater : Ein ziemlich perfekter Theaterabend

Ein „Hörspielkonzert“ verband Texte über den Untergang des Hauses Usher und seine Wiedergeburt mit Musik / Nur 165 Besucher waren dabei

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11. November 2013, 18:56 Uhr

Sie nennen sich „Midnight Story Orchestra“ (früher: Gothic Jazz Orchestra) und stehen auf „Gothic Novels“, deren Texte sie klang-atmosphärisch begleiten, untermalen, ergänzen, bereichern. Sie, das sind fünf junge Musiker der Band „Usher“, die auf ihren Instrumenten (plus elektronischem Gerät, Licht und Projektion) eine assoziationsreiche Musik zwischen Folk, Jazz, Rock, Klassik spielen, erzeugen – dramatisch, melancholisch, fetzig, sehnsüchtig. Sie traten am Freitagabend im Theater in der Stadthalle auf.

Das taten sie virtuos, denn Komponist Andreas Wiersich (Gitarren), Florian Bührich (Vibraphon und Marimbaphon), Alex Bayer (Kontrabass, E-Bass), Stephan Ebn (Schlagzeug) und nicht zuletzt Toni Hinterholzinger (Keyboard und Spezialeffekte) sind einfach perfekt aufeinander eingestellt. Ihr Können war die eine Voraussetzung, dass die Performance von „Usher“, die leider nur 165 Besucher erlebten, zu einem ziemlich perfekten Abend wurde. Die zweite Voraussetzung war die kongeniale Zusammenarbeit der Musiker mit Dr. Jasper Paulus – ein glänzender Vorleser und Mime – der zwei schaurig-morbide „Gothic novels“ hervorragend sprach und deren Figuren greifbar machte. Höhepunkte waren die Passagen, in denen der Rhythmus der Musik und der Rhythmus der Sprache völlig übereinstimmten. Die Darbietung wäre noch „runder“ geworden, wenn der Sprecher die Bühne zwischen den einzelnen Nummern nicht verlassen hätte.

Edgar Allen Poe (1809-1849) und seine berühmte Novelle „Der Untergang des Hauses Usher“ lieferten die Handlung des ersten Teils. Erzählt wird von einem wahrhaft schauerlichen Haus in schauerlicher Umgebung, von einer lebendig begrabenen Frau und dem kreuzunglücklichen Geschwisterpaar Roderick und Madlen Usher, bei deren Tod das Haus Usher schließlich zusammenstürzt.

Eine Novelle von Ray Bradbury, „April 2036: Usher II“, nahm im zweiten Teil das Thema wieder auf. Der Poe-Bewunderer erzählt die Geschichte vom Nachbau des Hauses Usher auf dem Mars (steriler Laborcharakter auf der Bühne), erbaut von Bücherfreund Mr. Stendahl zu dem Zweck, Mr. Garrett, den „Ermittler der Behörde für ein moralisch sauberes Klima“, in sein Haus zu locken. Stendahl sieht in ihm den Verantwortlichen dafür, dass vor 30 Jahren jegliche fantasievolle, politische, märchenhafte Literatur und alle Science-Fiction-Bücher verbrannt wurden. Stendahl bereitet Garrett, der Poes Werke verbrennen ließ, ohne sie je gelesen zu haben, ein schauriges Ende: Er mauert ihn lebendig im Keller des Hauses ein. Das Haus hat seine Schuldigkeit getan und stürzt wieder zusammen.

Der Grundton beider Novellen ist recht unterschiedlich, der Ton des Rezitators und der der Musik waren es auch. Überwogen bei Poe die düsteren, depressiven Klänge, ging es bei Bradbury etwas burlesker und leichter zu; man glaubte sogar, flotte Mars-Musik zu hören. Das gelungene Cross-Over-Experiment wurde als „Hörspielkonzert“ deklariert, und dieser Begriff erschloss sich den Zuschauern und Zuhörern recht schnell.

Nach höchst beeindruckenden zweieinhalb Stunden war der Applaus stark und zustimmend. Von solchen Abenden kann man mehr vertragen. Wie wär’s mit „Der Graf“ (Dracula)? Den haben Jasper Paulus und die Musiker nämlich auch im Repertoire.

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