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Kinobühne : Ein Spagat zwischen Nähe und Distanz

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Film „Familie haben“ überzeugte bei der Auftaktveranstaltung der Kinobühne.

Neumünster | Die beliebte Kinobühne war auch bei ihrer Auftaktveranstaltung am Dienstagabend wieder ausverkauft. Je 100 Besucher saßen bei den beiden Vorstellungen des Films von Jonas Rothlaender (33) „Familie Haben“ auf der Bühne im Theater der Stadthalle. Gefördert wurde der Berliner Filmemacher von der Filmförderung Hamburg und Schleswig-Holstein.

Das Werk war Rothlaenders erster Dokumentarfilm, und er ist dabei sowohl Kameramann, Akteur, Sprecher und Cutter. Das liegt an der sehr persönlichen Geschichte, die er zeigt: Er kommt in dem Film den zerrütteten Strukturen seiner Familie auf die Spur. Ausgehend von den Tagebucheintragungen seiner verstorbenen Oma sucht der Enkel Jonas seinen Opa Günther in Zürich auf und beginnt, ihn nach seiner Ehe und seinem Verhältnis zu seiner einzigen Tochter Bettina, also Jonas‘ Mutter, zu fragen. Später reist auch sie zum Wohnheim ihres Vaters, und so finden sich exemplarische Vertreter dreier Generationen zusammen, die Biografiearbeit leisten.

Jonas Rothlaender stellt in seinem Film die Frage: „Werden emotionale Not und Leerstellen an die Kinder weitergegeben?“ Insbesondere der 90-jährige, kranke Opa Günther zeigt sich als Mann fast ohne Eigenschaften, dem es an Liebe, Bindung, Skrupel, Gewissen, Sprache und selbst Hunger mangelt. Kompensiert wird die Leere durch den verzweifelten Versuch des einstigen wohlhabenden Betrügers, einen letzten großen finanziellen Coup zu machen. Auf Selbstreflexion wartet man vergebens, aber umso eindrücklicher sind die Momente, in denen der alte Mann das ihn prägende Ereignis heranzieht, den Zweiten Weltkrieg.

„Ich wollte einen persönlichen, aber keinen privaten Film machen“, erklärte Jonas Rothlaender. So sieht man auch keine emotionalen Ausbrüche, nur einmal beginnt seine Mutter zu weinen, während eines Kirchgangs. „Ich hatte die Kamera lose auf meine Knie gelegt, ohne einen bestimmten Fokus. Als mir dieser Moment später beim Sichten auffiel, war ich geplättet“, erzählte er.

Ohnehin ist Jonas Rothlaender mit seiner Kamera immer nah dran, er versucht auch gar nicht, den Akt des Filmens zu vertuschen. Bisweilen positioniert er sich so, dass eine Fernsehmattscheibe ihn und seine Kamera spiegelt. So entsteht bei aller eindringlichen Nähe immer wieder genug Distanz, um die Gefühle herunterzufahren. „Es geht mir ums Verstehen, nicht ums Verurteilen“, erklärte er. Nach dem 130 Minuten langen Film konnten die Besucher noch Fragen an den Macher stellen. „Der Film hat mich sehr berührt. Ich glaube, die Weitergabe angelernten Verhaltens an die Kinder ist weit verbreitet“, meinte die Besucherin Ingrid Hinrichsen aus Neumünster.

Die nächste Kinobühne findet am Dienstag, 23. Februar, um 20 Uhr mit Preisträgern des Green-Screen-Naturfilmfestivals statt.

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