Lesung : Ein scharfer Blick auf das Zeitgeschehen

Nach der Lesung in der Stadtbücherei signierte Jenny Erpenbeck ihre Bücher.
Nach der Lesung in der Stadtbücherei signierte Jenny Erpenbeck ihre Bücher.

Fallada-Preisträgerin Jenny Erpenbeck las aus ihrem Roman „Aller Tage Abend“

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04. Dezember 2014, 05:00 Uhr

Neumünster | Wie gestaltet man eine Lesung, die nach einer Sprache für Trauer sucht und mit dem Tod eines Säuglings beginnt? Am besten so, wie Jenny Erpenbeck: mit Sympathie und Offenheit fürs Publikum, mit einer prägnanten Einführung in die Geschichte und mit einer ernsthaften Stimme ohne Pathos. Am Dienstagabend las die Fallada-Preisträgerin 2014 auf Einladung der Stadtbücherei aus ihrem Preisträger-Roman „Aller Tage Abend“.

60 Besucher warteten bereits gespannt, als Erpenbeck das Podium betrat. Ruhig lächelnd ließ sie Büchereileiter Klaus Fahrner den Vortritt, der die Berliner Autorin als ausgebildete Buchbinderin und studierte Theaterwissenschaftlerin vorstellte. Einzig als Fahrner sie als Pianistin bezeichnete, widersprach Erpenbeck: „Ach was, ich spiel Klavier. Das ist alles“, warf die Schriftstellerin ein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren ihr die Sympathien des Publikums sicher.

„Mein Buch unterliegt einer klaren Struktur. Es erzählt fünf potenzielle Lebensgeschichten ein- und derselben Person. Zwischen den Episoden gibt es Intermezzi. Das sollten Sie wissen, bevor ich mit der Lesung beginne“, erläuterte Erpenbeck.

Ihr Konzept ist ebenso einfach, wie meisterlich umgesetzt. Ein Säugling stirbt. Die Autorin fragt schlicht: Was wäre gewesen, wenn er überlebt hätte – ein mögliches Leben. Dieses Spiel exerziert die Berlinerin fünf Mal durch. Das halbjüdische Mädchen aus Österreich, das nun doch nicht gestorben ist, flieht als aktive Kommunistin vor den Nazis nach Moskau – und wird hingerichtet. Und wieder die Frage: Was wäre gewesen, wenn . . .? Die Protagonistin wird eine gefeierte Autorin in der DDR und erlebt schließlich als alte Frau die Wende in einem Berliner Pflegeheim. So entstehen gleich mehrere mögliche Biografien in einer und eine Reise quer durch das Europa des 20. Jahrhunderts liefert Erpenbeck gleich mit.

Während Jenny Erpenbeck einzelne Passagen aus Ihrem Roman vorlas, war es mucksmäuschenstill im Raum. Tief ergriffen von Inhalt und Erzählkunst der Autorin brauchte das Publikum nach der Lesung etwas Zeit, um die ersten Fragen zu stellen. „Mein Herz wurde immer schwerer,“ gestand eine Besucherin. „Wie ging es Ihnen beim Schreiben?“, fragte sie die Autorin. „Manchmal nicht so gut“, meinte Erpenbeck, „aber, um das Leben verlieren zu können, muss man ja erst mal leben.“

Und das tut die Berlinerin. Auch außerhalb ihrer „Schreibstube“. Im Herbst erschien ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem sie die Flüchtlingspolitik des Berliner Innensenators Frank Henkel heftig kritisierte.

„Ich verstehe manchmal nicht, wie wir mit den Flüchtlingen umgehen. Da ist auf der einen Seite ein wahnsinniger Hass in der Welt, der einfach nur dumm ist, und dann gibt es die vielen Menschen, die Flüchtlinge unterstützen. Ich habe das Gefühl, da findet gerade eine Spaltung in der Gesellschaft statt“, sagte Jenny Erpenbeck mit Blick auf die aktuelle Debatte.




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