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Theater : Ein Kaleidoskop zwischenmenschlichen Verhaltens

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Arthur Schnitzlers „Reigen“ ist so aktuell wie vor 100 Jahren – und wieder „abi-relevant“

Nach der ersten Buchausgabe (1903) ließen sich tief entrüstete Zeitgenossen zu Ausfällen wie: „Jüdische Schweineliteratur“, „Geilste Pornografie“ oder „Saustück“ hinreißen; die ersten Aufführungen gingen in die Theatergeschichte wegen großer Krawalle, Werfen von Stinkbomben und Einsatz von Wasserwerfern ein. Das war dem Dichter Arthur Schnitzler (1862-1931) so zuwider, dass er 1922 per Testament jede weitere Aufführung seines Stückes „Der Reigen“ verbot.

Erst 1982 hob sein Sohn das Verbot auf, und die Theater stürzten sich auf das Stück, das inhaltlich einfach zu erfassen, aber szenisch schwierig zu realisieren ist.

Der Umgang mit dem „Reigen“ hat sich in über 100 Jahren gewandelt. Heute steht das zeitlos-allgemeingültige zwischenmenschliche Verhalten der Protagonisten im Vordergrund, und Besuchern fallen zur Aufführung allenfalls noch Bemerkungen wie „Für fünf Euro ’nen Porno, das war billig“ ein – so jetzt gehört im nahezu ausverkauften Theater in der Stadthalle.

Der Grund: In diesem Jahr sind Schnitzler und der „Reigen“ abitur-relevant und das Gastspiel des Landestheaters bot den Abiturienten die Möglichkeit, zusätzlich zur Lektüre eine durchaus diskussionswürdige Inszenierung zu sehen.

„Der Reigen“ besteht aus zehn Dialogen, in denen es schlicht und raffiniert, frivol und brutal, triebhaft und (wienerisch) melancholisch zugeht. Getragen wird das Stück von zehn Personen, von zehn Paaren, die einen „Liebesreigen“ tanzen: Die Dirne bedient den Soldaten, der sich dann das Stubenmädchen angelt, das wiederum den jungen Herrn in die Geheimnisse der Verführung einweist. Der junge Herr erliegt der „anständigen“ Frau, die anschließend ein „Ehegespräch“ mit ihrem Gatten hat, der seinerseits Gefallen an dem süßen Mädel findet, das dem Dichter den Kopf verdreht, der wiederum von der Schauspielerin dominiert wird, die ein spezielles Verhältnis zum Grafen hat, der im letzten Bild wieder bei der Dirne landet.

Jede der zehn Szenen ist nach dem gleichen Modell gebaut: längeres aufreizendes Vorspiel, sexuelle Vereinigung, kurzes unterkühltes Nachspiel, das bei den Beteiligten einen schalen Geschmack hinterlässt.

Arthur Schnitzler hielt seinen Zeitgenossen (und nicht nur ihnen) einen Spiegel vor, zeigt ihre doppelbödige Moral, ihre Rollenklischees und ihre Unfähigkeit, ehrliche Beziehungen einzugehen zu können – und das mit Ironie und psychologischer Genauigkeit. Er war ein diskreter Dichter, der immer dann, wenn es im „Reigen“ wirklich zur Sache geht, in seinen Text eine Reihe von Gedankenstriche setzte – Gedankenstriche, die auch in dieser Aufführung die Fantasie des Publikums zu Interpretationen anregte.

Regisseur Max Claessen hielt viele Varianten bereit – mal diskret hinter Vorhängen aus verhüllend-enthüllenden Schnüren (gutes Bühnenbild: Mirjam Benkner), mal sehr direkt auf freier Bühne. Die Umwandlung vom süßen Mädel zum süßen Jungen fügte der Aufführung eine neue Facette hinzu, weil Michael Kientzle die Rolle so gut und witzig spielte.

Den Dichter zur Dichterin zu machen, nahm den Szenen dagegen ihre spezielle Schnitzler-Atmosphäre.

Nach der ersten „schnellen Nummer“ ließ Claessen seinen vier wandlungsfähigen Darstellern mehr Zeit, die Figuren zu entwickeln, was Wiebke Wackermann als Stubenmädchen, Yasmina Djaballah als junge Frau, Michael Kientzle als junger Herr und Reiner Schleberger als Ehemann besonders gut gelang.

In eineinhalb Stunden wurde ein Kaleidoskop zwischenmenschlichen Verhaltens vorgeführt, das am Ende den gebührenden Beifall des Publikums erhielt.





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erstellt am 24.Jan.2014 | 07:15 Uhr

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