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Ein großer Roman wurde auf einer kleinen Bühne lebendig

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

von
erstellt am 22.Nov.2014 | 13:13 Uhr

Im 19. Jahrhundert war Russland geradezu gesegnet mit großen literarischen Begabungen – vor allem den beiden Giganten Leo Tolstoi und Fjodor Dostojewskij (1821-1881). Letzterer ist der großartige Analytiker der Abgründe der menschlichen Seele. Davon zeugen die Romane „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Der Spieler“, „Die Dämonen“ und sein letztes großes Werk „Die Brüder Karamasow“ (1880). Das wurde am Mittwoch im Theater in der Stadthalle aufgeführt.

In dem mehr als 1000 Seiten starken Roman stehen ein Vater und seine vier Söhne im Mittelpunkt. Jeder von ihnen trägt mit dem Vater seinen Konflikt aus. Dass Vater Fjodor und sein ältester Sohn Dmitrij die gleiche Frau begehren, ist der Anlass zum Vatermord. Doch weder der Soldat Dmitrij noch der Nihilist Iwan und auch nicht der auf Ausgleich bedachte Aljoscha ist der Mörder, sondern der vierte, illegitim geborene Bruder Smerdjakow.

Er begeht den Mord in vorauseilendem Gehorsam, fühlt sich sowohl von Dmitrij als auch von Iwan dazu legitimiert. Er legt falsche Fährten und erhängt sich. Dmitrij wird des Mordes angeklagt; das Gericht verurteilt einen Mann, der kein Mörder ist. Ein Justizirrtum!

„Die Brüder Karamasow“ für die Theaterbühne tauglich zu machen, ist eine herausfordernde Aufgabe. Aus dem Roman extrahierte Manfred H. Greve (Prinzipal der Theater Greve GmbH) den Text für eine fast dreistündige Aufführung, die zwar zügig ablief, aber doch etliche spannungsarme Passagen aufwies. Besonders gut gelangen die Szenen, die aus Erzählphasen in lebhaftes Spiel übergingen.

Greve sezierte die wichtigsten Handlungsstränge aus dem Roman, nutzte geschickt die inhaltsreichen Dialoge, die den Zuschauern (am Mittwochabend rund 340) die charakterlichen und seelischen Abgründe der Protagonisten vorführten. Den hemmungslosen Triebmenschen Fjodor spielte Peter Rauch als heruntergekommenen Narren, aber nicht sonderlich bösartig und egozentrisch.

Die Porträts der Söhne gelangen insgesamt gut. Widersprüchlich spielte Jerzy Fabian Kosin den Dmitrij. Thomas Gerber gestaltete den von Zweifeln geplagten Intellektuellen Iwan beeindruckend. Otto Beckmann wurde als mitfühlender Aljoscha für seine Mitmenschen zum Schutzengel, geprägt durch seine Studien bei dem Priestermönch Starez Sossima (prägnant Manfred H. Greve). Als „falscher“ Bruder Smerdjakow gelang Tom Keidel ein Rollenporträt von großer Intensität, und auch Gruschenka, die Frau, die so stark in die Vater-Söhne-Konstellation eingreift, gestaltete Dagmar Bernhard hervorragend.

Am Ende gab es viel zustimmenden Beifall für den Versuch, einen großen Roman auf einer kleinen Bühne lebendig zu machen.

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