Neumünster : Ein Bahnunglück und viele Fragen

Für Nils Schulte (Name von der Red. geändert) kam es an diesem Neumünsteraner Bahnübergang zum Albtraum. Er sagt, drei oder vier Unbekannte hätten ihn überwältigt und auf die Betonplatten gelegt. Sein linkes Bein lag auf dem Gleis, als der Zug kam. Er muss für immer eine Prothese tragen. Foto: Post
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Für Nils Schulte (Name von der Red. geändert) kam es an diesem Neumünsteraner Bahnübergang zum Albtraum. Er sagt, drei oder vier Unbekannte hätten ihn überwältigt und auf die Betonplatten gelegt. Sein linkes Bein lag auf dem Gleis, als der Zug kam. Er muss für immer eine Prothese tragen. Foto: Post

Im Februar überrollte ihn der Zug. Niels Schultes Unterschenkel musste amputiert werden, der 19-Jährige ist traumatisiert. Er glaubt an einen Anschlag, bei der Polizei schenkt man ihm kein Gehör.

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17. August 2011, 08:29 Uhr

Neumünster | Ein traumatisches Erlebnis hat das Leben von Nils Schulte* (19) aus Wasbek Anfang des Jahres völlig aus den Fugen geraten lassen. Zwar kann er sich nur schemenhaft daran erinnern, was am Abend des 21. Februar im Stadtwald mit ihm geschah, doch die Folgen werden ihn für den Rest seines Lebens begleiten: Sein linkes Bein ist ab der Hälfte des Unterschenkels amputiert. Und er sieht immer wieder den Zug der AKN auf sich zufahren, der ihn erfasste. Für den jungen Mann ist klar: Er ist einem Verbrechen zum Opfer gefallen, doch die Polizei glaubt an einen Selbstmordversuch. Bei der Polizei findet er kein Gehör. Im Gegenteil, er hat den schweren Verdacht, dass entscheidende Hinweise in den Ermittlungen unbeachtet blieben. Nun hofft Nils Schulte, dass sich noch Zeugen melden.
Der 21. Februar war ein Montag. Es lag Schnee, es war empfindlich kalt. Gegen 18 Uhr verließ der damals 18-Jährige sein Elternhaus, um frische Luft zu schnappen, das weiß er heute noch. "Meine Mutter hatte Fisch gekocht, und mir war von dem starken Geruch im Haus etwas schlecht geworden", sagt er. Seine nächste Erinnerung ist, dass drei bis vier Personen ihn gepackt haben und am Fußgänger-Bahnübergang zwischen dem Stadtwald und der Stettiner Straße auf die Schienen legen. Auf den nächsten Bildern vor seinen Augen sieht er den Zug der AKN zwischen Neumünster und Hohenwestedt, der ohrenbetäubend hupt, immer näher kommt und ihn erfasst. Der junge Mann weiß noch, dass er sich mit einer schweren Verletzung am linken Fuß und stark blutend mehrere hundert Meter die Stettiner Straße entlang zu einem Mehrfamilienhaus schleppt. Er klingelt irgendwo und sagt einer Frau, dass er überfallen wurde und Hilfe braucht, doch die Frau schlägt ihm die Tür vor der Nase zu. Beim nächsten Haus wird er von einem Sanitäter der Bundeswehr, der dort zufällig zu Gast ist, zunächst versorgt. Dann verlässt ihn seine Erinnerung wieder. Der Notarzt hatte ihn an Ort und Stelle ins künstliche Koma versetzt.
Ein Notruf ohne Konsequenzen
"Die Polizei glaubt, ich hätte mir den Überfall ausgedacht. Sie hält das alles für einen Selbstmordversuch. Aber ich wollte mich nicht umbringen", sagt der junge Mann. Wenn er die Vorkommnisse schildert, ist er immer wieder den Tränen nahe, manchmal kann er sie nicht zurückhalten. Er, seine Eltern und seine Schwester sind traurig und wütend über das Verhalten der Polizei. "Sie hätte anders verfahren müssen", sagt er.
Die Familie wusste sich nicht anders zu helfen, als einen Anwalt mit der Akteneinsicht über die Ermittlungen zu beauftragen. Aus den Aufzeichnungen der Polizei geht hervor, dass der junge Mann um kurz nach 19 Uhr, eine Stunde nach Verlassen des Hauses, in Höhe des Flugplatzes von seinem Handy aus den Notruf 110 gewählt hat - also wenige hundert Meter von dem Bahnübergang entfernt. Kurzatmig nannte er damals seinen Namen und sagte die Worte "Ich werde gejagt!". Dabei war zu hören, dass er rannte. So steht es in den Akten. Dann sei das Gespräch unterbrochen worden. Nils Schulte versteht nicht, dass dieser Notruf nicht nachverfolgt wurde; schließlich war seine Handynummer durch den Anruf in der Leitstelle bekannt.
Nils Schulte hat seine Ärzte von der Schweigepflicht entbunden
Eine weitere Ungereimtheit ist für Familie Schulte, dass die Polizei zu Nils sagte, der Lokführer habe den Jungen vor dem Aufprall in stabiler Seitenlage auf den Gleisen liegen sehen, das Gesicht dem Zug zugewandt. "Im Protokoll steht jedoch genau, dass der Lokführer im Fernlicht Bewegungen von anderen Personen im Wald gesehen hat", sagt Nils Schulte. Als der Zug zum Stehen gekommen war, habe der Lokführer in der Nähe einen Mann mit Hund und Fahrrad angesprochen, der daraufhin aber schnell in die Böcklersiedlung verschwand. "Außerdem steht in den Akten, dass sieben Fahrgäste im Zug saßen. Ob die auch von der Polizei befragt wurden, steht da aber nicht", so Nils Schulte.
Die Angaben aller Beteiligten sprechen gegen einen Suizidversuch, sagt der junge Mann. Der Lokführer beispielsweise habe ausgesagt, dass es sich schon um seinen vierten "Personenschaden" handelte, aber kein Selbstmörder habe vorher auf den anrollenden Zug geschaut. Der Mann auf dem Gleis habe noch nicht einmal beim Ertönen des lauten Warnsignals gezuckt. Auch der Bundeswehr-Sanitäter habe ausgesagt, es sei kein Suizidversuch gewesen. Ebenso reagierten die behandelnden Ärzte in der Lübecker Klinik. Es sei unwahrscheinlich, dass sich jemand das Leben nehmen wolle, dann aber mit zerschmettertem Fuß 300 Meter weiter humple und sich Hilfe hole. Nils Schulte hat seine Ärzte von der Schweigepflicht entbunden, damit sie von der Polizei befragt werden können, doch die verzichtete darauf. Das alles und seine eigenen, spärlichen Erinnerungen lassen ihn zweifeln.
War der Junge "psychisch auffällig" oder nicht?
Doch die Ermittlungsbehörden mauern. "Ich kann nur die Ergebnisse zusammenfassen: Es gibt keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden. Die Angaben des Verletzten entsprachen nicht der Wahrheit. So hat die Dezernentin den Fall bewertet", sagte Manfred Schulze-Ziffer von der Staatsanwaltschaft in Kiel zum Courier. Obwohl der stellvertretende Pressesprecher eigentlich keine Einzelheiten nennen wollte, fügte er noch an: "Der junge Mann soll psychisch auffällig sein."
Und genau das ist es, was Nils Mutter verzweifeln lässt: "Ich soll meinen Sohn der Polizei gegenüber als depressiv beschrieben haben. Das habe ich aber nie getan!" Es sei der Polizei von Anfang an nur darum gegangen, nach Gründen für einen Selbstmord zu suchen, etwa Liebeskummer oder die anstehende Gesellenprüfung ihres Sohnes. Die Ermittlungen sind Ende Mai eingestellt worden, und damit auch das Verfahren, das gegen Nils wegen eines "gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr" eingeleitet worden war. Das ist nur ein geringer Trost für ihn. Er wird nach wochenlangem Aufenthalt in Lübeck und in einer Bad Bramstedter Reha-Einrichtung wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung psychotherapeutisch behandelt. Die Familie möchte mit der Hilfe des Anwalts erreichen, dass die Akten geändert werden, damit der junge Mann als Opfer anerkannt wird. Dann zahlt die Unfallversicherung und er kann, wenn er nicht mehr so jung und fit ist wie jetzt, Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz erhalten. Danach werden Folgekosten bezahlt. Zudem denkt die Familie darüber nach, Anzeige gegen Unbekannt zu stellen, damit endlich jemand den unbeachteten Hinweisen nachgeht.
Wer ihm die Grausamkeit angetan haben könnte, kann Nils Schulte sich nicht erklären. "Es gibt keine Feinde in meinem Leben. Ich war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt er über sein Schicksal. Mit seiner Fuß-Prothese macht er inzwischen einen sicheren Eindruck. Doch ihn treibt die Sorge um, dass die Angreifer Angst vor seiner langsam wiederkehrenden Erinnerung an den Abend des 21. Februar bekommen könnten.* Name von der Redaktion geändert.
(tpo, shz)

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