Hans-Fallada-Preis : Ehrung für eine Sprachkünstlerin

Die Cellistin Gayane Khachatryan setzte in der Preisverleihung    musikalische Akzente mit Bach.
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Die Cellistin Gayane Khachatryan setzte in der Preisverleihung musikalische Akzente mit Bach.

Neumünsteraner Literaturpreis für Jenny Erpenbeck. Laudator lobt den„hinreißend sinnlichen Stil“ der Berliner Autorin und Opernregisseurin

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15. März 2014, 18:37 Uhr

Die Stadt hat eine neue Hans-Fallada-Preisträgerin: Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras überreichte die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung am Donnerstagabend an die Schriftstellerin, Dramatikerin und Opernregisseurin Jenny Erpenbeck (47). Mehr als 500 Gäste verfolgten den gut zweistündigen Festakt im ausverkauften Theater in der Stadthalle.

Die in Ostberlin aufgewachsene Autorin Jenny Erpenbeck ist die 16. Preisträgerin des seit 1981 von der Stadt vergebenen Literaturpreises. Zu ihren Vorgängern gehören unter anderem Erich Loest (1981), Günter Grass (1996), Bernhard Schlink (1998) und der im vergangenen Jahr verstorbene Wolfgang Herrndorf (2012).

Mit dem Fallada-Preis 2014 würdigt dessen Jury vor allem die „sensible Sprachkunst und moralische Eindringlichkeit“ Jenny Erpenbecks, namentlich in ihrem zuletzt vorgelegten Roman „Aller Tage Abend“, 2012 im Knaus-Verlag erschienen.

Laudator und Jury-Mitglied Wend Kässens schlug in seiner Würdigung gleichwohl einen großen Bogen durch das bisherige Gesamtwerk der 47-jährigen Autorin, die bereits mit ihrem Erstling „Geschichte vom alten Kind“ (1999) den internationalen Durchbruch schaffte. Mit jedem neuen Buch habe die Autorin einen größeren politischen Horizont eröffnet, sei dabei aber stets konkret geblieben. Mit großer Sprachkunst und einem „hinreißend sinnlichen Stil“ schaffe sie Geschichten voller Geschichte, sagte Kässens.

In ihrem Buch „Aller Tage Abend“ greift Erpenbeck zu einem raffinierten Trick, um ihre detaillierten Lebensgeschichten vor der Geschichte des 20. Jahrhunderts auszubreiten. Gleich zu Beginn ihres Romans lässt sie ihre Protagonistin als Kind im Krankenbett sterben, nur um gleich darauf sprachgewaltig die Frage aufzuwerfen, was gewesen wäre, wenn der Vater eine Handvoll Schnee von der Fensterbank gerafft und dem Kind unter das Hemd geschoben hätte. . . Ein neuer Lebensentwurf entsteht. Aus dem Mädchen wird eine aktive Kommunistin, die vor den Nazis nach Moskau flieht, dort hingerichtet wird – und mit einem kunstvollen Sprach-Intermezzo erneut wiederbelebt wird, um ein Leben als gefeierte DDR-Autorin fortzusetzen. Dabei wird durchaus Autobiographisches eingewoben. Jenny Erpenbecks Großmutter Hedda Zinner war in der Aufbauzeit in der DDR eine führende Schriftstellerin. „Ein großer Roman, politisch brisant mit herausfordernder Sprachkunst“, lobte Wend Kässens.

Die Preisträgerin nutzte ihre Replik, um eine eher wenig beachtete Seite von Hans Fallada zu beleuchten, nämlich die des stillen Mahners vor dem Hitler-Faschismus. Sie skizzierte ein Bild Falladas, der unter dem gedankenlosen Mitläufertum seiner Umwelt gelitten habe.

Viel Applaus gab es in dem Festakt für eine Videocollage der Kieler Filmstudenten Alexandra Hilscher und Iwan Rudi, die in Szenen, Fotos und Texten Falladas Werdegang bis zu seinem ersten großen Erfolg „Bauern, Bonzen und Bomben“ spiegelte und mit einem Fallada-Zitat abschloss: „Ausgerechnet hier in Neumünster, der Stadt, die ich nie liebte, habe ich es geschafft!“

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