Lokales Bündnis für Familien : Ehrlichkeit hilft Kindern ungemein

Eltern mit psychischen Krankheiten sollten ihre Kinder möglichst aufklären, was mit Mama oder Papa los ist, empfehlen die Experten. Sonst leiden die Kinder doppelt.
Eltern mit psychischen Krankheiten sollten ihre Kinder möglichst aufklären, was mit Mama oder Papa los ist, empfehlen die Experten. Sonst leiden die Kinder doppelt.

Das Lokale Bündnis will Kindern psychisch kranker Eltern mehr Gehör verschaffen. So helfen ASD und das Beratungszentrum Mittelholstein

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05. Juni 2015, 05:00 Uhr

Neumünster | Das Lokale Bündnis für Familien der Stadt organisiert für den 18. Juni im Lebensmittelinstitut KIN an der Wasbeker Straße einen öffentlichen Thementag zum schweren Los von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen. Im Vorfeld der Tagung stellt der Courier beispielhaft Einrichtungen vor, die sich mit der noch immer stark tabuisierten Problematik befassen und Hilfsangebote bieten. Heute: Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) der Stadt und das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM) der Diakonie.

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Nicht nur ihre Kinder, auch die psychisch belasteten Eltern selbst haben oft doppelt zu leiden: Zur Krankheit selbst gesellt sich nicht selten die nackte Angst: Was ist, wenn meine Probleme rauskommen? Wird das Jugendamt mir die Kinder wegnehmen? Das Klischee vom „bösen“ Jugendamt ist weit verbreitet, hat mit der Wirklichkeit aber wenig zu tun, versichert Jörg Hellwig, der als Chef des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) auch für das Kindeswohl in den Familien der Stadt Verantwortung trägt. Der Entzug des Sorgerechts sei immer nur die Ultima Ratio – der letzte Ausweg, unterstreicht Hellwig. Vorrangiges Ziel auch der Behörde sei es vielmehr, die betroffenen Familien zu stützen und die Familiensituation zum Wohle des Kindes zu stabilisieren, erklärt Hellwig. Das funktioniere wiederum am besten mit einem möglichst breiten Netzwerk verschiedener professioneller oder auch ehrenamtlich engagierter Helfer.

Ein Beispiel: Eine offenbar hoffnungslos überforderte junge Mutter drohte in ihrer Panik, ihr Kleinkind vom Balkon zu werfen und selbst hinterherzuspringen. Statt Mutter und Kind vorschnell voneinander zu trennen, spann der ASD in enger Abstimmung mit der jungen Mutter ein enges Band aus Unterstützern, das fast rund um die Uhr Alarmbereitschaft übernahm. Ein Pastor, eine Familienhebamme, eine vertraute Nachbarin und andere Helfer knüpften mit dem ASD ein Sicherungsnetz, das die Mutter bei wieder aufflammender Panik aufgefangen hätte. In der Gewissheit, im Falle eines Falles nicht allein zu sein, gewann die junge Mutter ihr Selbstvertrauen zurück, die Lage stabilisierte sich langsam, aber sicher.

Ein wichtiger Partner beim Aufbau solcher Rettungsschirme ist das Beratungszentrum Mittelholstein (BZM), das heute unter dem Dach der Diakonie Am Alten Kirchhof auf über 40 Jahre Erfahrung in der Lebens- und Partnerberatung zurückblicken kann. Ob Erziehungs- oder Schulprobleme, Spannungen in der Partnerschaft oder eben psychische Belastungen in der Familie – den Sozialpädagogen und Therapeuten des BZM ist kaum ein familiäres Problem unbekannt – auch nicht die Belastung von Kindern mit psychisch kranken Elternteilen: Gut jeder fünfte Jugendliche, der in der Beratung betreut wird, leidet unter einem psychisch belasteten Elternhaus, schätzt BZM-Beraterin Gundula Deicke. Im Bemühen, betroffene Kinder und Eltern zu entlasten, setzen Deicke und ihre Kollegen vor allem auf Aufklärung: „Wir versuchen die Eltern zu überzeugen, die Perspektive der Kinder einzunehmen und sie zu motivieren, den Kindern zu erklären, was mit ihren Eltern los ist“, erklärt Gundula Deicke. Sind sie dazu nicht in der Lage, kann auch die Therapeutin diese Aufgabe übernehmen.

Die Strategie ist klar: Die Kinder lernen, dass sie an dem „merkwürdigen“, oft auch distanzierten Verhalten ihrer Eltern nicht schuld sind, dass sie mit „ihrem Problem“ nicht allein stehen. Sie lernen, mit der Situation zu Hause besser umzugehen, im Idealfall auch, sich vor Überforderungen aus dem Elternhaus zu schützen. Allein die Möglichkeit, das Tabuthema jetzt offen ansprechen zu können, entlaste sie oft, sagt Gundula Deicke. Und meist auch die Eltern: Den meisten Betroffenen sei ja durchaus bewusst, dass ihre Kinder mitleiden, und den wenigsten sei das egal, unterstreicht die BZM-Therapeutin.

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Der Thementag über Kinder psychisch kranker Eltern am 18. Juni von 16 bis 20 Uhr versteht sich sowohl als Informationsbörse für alle, die sich besser informieren wollen, als auch als Forum für engagierte Helfer, Lehrer, Erzieher und Nachbarschaftshilfen, die sich vorstellen oder mit anderen Helfern vernetzen möchten. Wer sich auf dem Thementag selbst mit einbringen möchte, kann unter Tel. 942-2557 mit Jörg Asmussen vom Fachdienst Frühkindliche Bildung der Stadt Kontakt aufnehmen.

Lesen Sie morgen:Therapeutisch begleitete Gruppenangebote, ein Projekt des Kinderschutzbundes und der Brücke Neumünster.

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