Neumünster: Altes Handwerk : Edle Schuhe nach Maß gefertigt

Jeder Kunde hat seinen eigenen Leisten. Es gibt Tausende davon bei Harai, der hier die von Max Schmeling im Arm hält.
1 von 2
Jeder Kunde hat seinen eigenen Leisten. Es gibt Tausende davon bei Harai, der hier die von Max Schmeling im Arm hält.

Martin Harai (55) führt die Budapester Tradition seines Vaters Julius fort / Prominente Kunden kommen aus ganz Deutschland.

von
03. Januar 2018, 12:00 Uhr

Neumünster | In einer Serie stellt der Courier alte Handwerkskunst aus Neumünster vor. Heute: Die ungarische Schuhmanufaktur Martin Harai. Der 55-jährige Schuhmachermeister führt einen von zwei namhaften Betrieben in der Stadt, die noch Schuhe nach Maß und allen Regeln der Kunst anfertigen.

„Neumünster ist eine ehemalige Lederstadt und wurde früher beneidet für die Qualität seiner Boxcalf-Leder. Das ist ein feines Leder von Milchkälbern“, sagt Harai. Man müsse das leben. „Die Kunst ist, sich selbst schon mit dem Leder zu identifizieren, dem Kunden nicht einfach etwas zu verkaufen, sondern ihn zu beraten, was zweckmäßig ist und zu seiner Kleidung und ihm selbst passt“, so Harai.

Dabei müsse natürlich die Orthopädie des Fußes mit einfließen. Symmetrie der Zehen, Höhe des Spanns, Umfang des Ballens – diese Sorgfalt macht einen Maßschuh aus. „Der Kunde geht eine Symbiose ein“, sagt Harai.

Solche Perfektion kostet. Einen maßgefertigten Schuh von Harai gibt es ab 1800 Euro; nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Vom Maß bis zur Anprobe dauert es schon ein Vierteljahr, 25 bis 30 Arbeitsstunden fließen in einen Original-Harai. Jeder Kunde hat seinen eigenen Leisten, das ist das Umrissmuster des Fußes aus Holz plus eine Zehspitzen-Zugabe. „Der Fuß benötigt Spiel beim Abrollen“, sagt der Star-Schuster und hat einen wichtigen Tipp für Eltern: „Fußtraining, etwa einen Stift mit Zehen greifen, und auch mal barfuß laufen. Das schult den Fuß.“

Martin Harai lernte sein Handwerk bei seinem Vater Julius Harai, der 1944 aus Ungarn nach Neumünster kam. Die Werkstatt befand sich ursprünglich an der Propstenstraße, seit den 1950er-Jahren ist sie an der Esplanade 20. „Das war eine harte, aber fruchtbare Lehrzeit bei einer Koryphäe“, sagt Martin Harai, der selbst ausbildet. Paula Knittler (22) lernt im zweiten Lehrjahr.

Der Maschinenpark stammt noch von Julius Harai. „Die meisten Maschinen sind älter als ich selbst, die Firma existiert schon seit 70 Jahren“, sagt Martin Harai. Was benötigt man für den Beruf des Schuhmachers? Harai: „Interesse, Talent, Geduld, Sorgfalt und Liebe zur Handarbeit.“

Leider seien Schuhe heute Wegwerfartikel. „Wir sind eine Wegwerfgesellschaft und schaden damit der Umwelt“, so Harai: „In einem Industrieschuh ist viel Schmu – künstliche Narben, minderwertiges Material, viel Leichtbaustoffe und Sollbruchstellen. Ein Maßschuh hält dagegen bei guter Pflege ein Leben lang.“

Das wissen die oft prominenten Kunden zu schätzen. Martin Harai fertigte etwa für die Bundespräsidenten Walter Scheel und Richard von Weizsäcker, Fußballer Manni Kaltz oder Boxlegende Max Schmeling.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen