Boostedt : „Du interessierst dich ja wirklich für uns!“

Die Iranerinnen Vida Gholamoeing (links) und Zhaleh Vatankhah (rechts) stehen vor dem Bild einer Landesgenossin. Mit dabei ist Ziouddin Rustami (18), der aus Afghanistan geflohen ist.
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Die Iranerinnen Vida Gholamoeing (links) und Zhaleh Vatankhah (rechts) stehen vor dem Bild einer Landesgenossin. Mit dabei ist Ziouddin Rustami (18), der aus Afghanistan geflohen ist.

Künstlerin Anke de Vries berichtete in Boostedt über ihre Arbeit mit den Flüchtlingen.

shz.de von
20. Mai 2015, 06:30 Uhr

Boostedt | An den Dreh- und Angelpunkten des öffentlichen Boostedter Lebens stehen seit Montag 21 Aquarelle, auf denen Flüchtlinge abgebildet sind. Gemalt hat sie die Hamburger Künstlerin Anke de Vries (72). „Ich wollte nicht nur das Äußere der Menschen darstellen, sondern auch das Innere zeigen“, erklärte die Malerin bei der Vernissage am Montag im Kleinen Kaufhaus am Dorfring.

Daher hat sich die engagierte Künstlerin Zeit genommen, vor dem Porträtieren die Menschen kennen zu lernen und mit ihnen über ihr Schicksal zu sprechen. „Es fiel mir teilweise schwer, das anzuhören. Aber die Menschen brauchen Zuneigung“, berichtete Anke de Vries. Die Künstlerin wollte mit ihren Mitteln helfen: „Ich kann keine Soforthilfe leisten, aber ich kann malen und wollte die Menschen trotz der schwer zu ertragenden Realität stets ermutigen. Dann habe ich oft den Satz gehört: ,Du interessierst dich ja wirklich für uns!’“

Etwa drei bis vier Mal hat sich die Malerin mit jedem Schutzsuchenden in Hamburg für die Zeichnung und zu Gesprächen getroffen. Jedes Bild hat sie mit einem Zitat versehen, das markant auf das Besondere dieses Menschens verweist und den Betrachtern zugleich einen Einblick in die Situation eines Exillebens gibt. So stellt sich zum Beispiel der Nigerianer Emitola vor: „Ich bin studierter Ingenieur. Ich lebe nicht auf Bäumen. Ich bin ein Mensch wie ihr, nur die Hautfarbe unterscheidet uns.“

Bei der Eröffnungsfeier löste das Bild mit der Iranerin Minoo spontane Reaktionen aus: Die beiden Vernissage-Besucherinnen Vida Gholamoeing und Zhaleh Vatankhah sind aus dem Iran geflohen und haben momentan in der Boostedter Rantzau-Kaserne Schutz gefunden. Sie wollen die porträtierte Frau aus ihrem Heimatland kennenlernen. Daher haben sie Anke de Vries ihre Telefonnummern gegeben. „Ich bin stolz, dass sie es geschafft hat“, sagte Vida und meinte damit die Flucht der Frau auf dem Bild. Da Vida nur Farsi, die persische Sprache beherrscht, hat Ziouddin Rustami (18) übersetzt. Er ist vor zwei Jahren aus Afghanistan geflüchtet und hat am Montag die Vernissage musikalisch begleitet. Zu orientalischen Klängen am Keyboard sang er selbstverfasste Lieder, in denen er den gewaltsamen Tod seines Vaters betrauerte und die Unmenschlichkeit anprangerte, die im Namen des Koran begangen wird.

Silke Leng von der Ökumenischen Arbeitsstelle Altholstein hat die Ausstellung organisiert und schlug in ihrer Begrüßung daher vor: „Wir können ein lächelndes, freundliches, einladendes Gesicht zeigen, weil wir in jedem Einzelnen nicht eine Nummer, sondern einen Menschen wahrnehmen dürfen.“

Die Ausstellung „Nicht vom Brot allein“ ist bis zum 31. Mai bei Edeka Grümmer, im Kleinen Kaufhaus, in der Gemeinschaftsschule, der Amtsverwaltung, im Ärztehaus, im Gemeindehaus und an vielen anderen Orten zu sehen. Der auf den Handzetteln ausgewiesene Ausstellungsort in der Memellandstraße entfällt.

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