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Suchtberatung : Drogen: In den Ferien merken es die Eltern plötzlich

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wenn Eltern und Kinder plötzlich mehr Zeit miteinander verbringen, ist die Suchtberatungsstelle voll. Jugendlichen fehlt das Problembewusstsein

Neumünster | „Hilfe, mein Kind kifft“ – gerade jetzt in den Ferien bemerken viele Eltern, dass ihr Kind gelegentlich oder sogar regelmäßig Cannabis raucht. Das stellen Gisela Illgen und ihre Kollegen von der Suchtberatung am Großflecken 68 fest. „Kinder und Eltern sind jetzt näher beieinander, da fällt dann schon mal eher etwas auf – und zwar auch, wie wenig die Eltern ihre Kinder eigentlich kennen“, sagt Gisela Illgen.

Der Cannabiskonsum beginnt meist im Alter von 15 oder 16 Jahren. Gisela Illgen rät den Eltern, gelassen zu bleiben, auch wenn das schwer fällt. Sie sollten das Gespräch suchen und den Blick darauf richten, was ihrem Kind wichtig ist oder gemeinsam in der Familie unternommen werden kann. Man sollte das Kind nicht beschuldigen und in eine Verteidigungsposition drängen. Hilfreich könne ein gemeinsamer Besuch bei der Beratungsstelle sein, um auf neutralem Boden nach Lösungen zu suchen. Aus eigenem Antrieb finden Jugendliche nämlich selten den Weg zur Suchtberatung. Es seien eher besorgte Eltern oder Lehrer, die sich meldeten. Die Suchtberatung will darum im Herbst ein Eltern-Projekt starten.

„Cannabis ist immer noch die Jugenddroge schlechthin, auch weil im Internet viel Werbung gemacht wird“, sagt Gisela Illgen. Echte Zahlen kennt sie nicht. „Es ist leider kein Problem, an Drogen zu kommen. Man kriegt sie überall, ob nun auf dem Deich oder in Hamburg mitten in der Szene“, so Gisela Illgen.

Viele Jugendliche hörten nach einer Probierphase auch wieder auf. „Hängen bleiben die, die Drogen als Problemlösungsstrategie sehen“, sagt Gisela Illgen. Das führt dann oft in die Sucht. Eine Folge könne Beschaffungskriminalität sein – oder die „Jugendlichen kaufen etwas mehr und werden selbst zum Dealer“, sagt Gisela Illgen.

Was oft nicht bedacht wird: „Wer unter Drogeneinfluss am Lenker oder Steuer erwischt wird, ist seinen Lappen los“, so Illgen. Und das wird dann richtig teuer. Die Jugendlichen/jungen Erwachsenen müssten mit teuren Haar- oder Urinproben nachweisen, dass sie mindestens ein Jahr drogenfrei sind. Und dann kommt noch die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, der „Idiotentest“, den viele nicht bestehen. „Die Wiederbeschaffung des Führerscheins kostet gut und gerne 3500 Euro“, schätzt Suchtberater Christoph Haaß. Der Führerscheinverlust ist für ihn fast noch die schärfste Sanktion. Haaß: „Die Jugendlichen kommen selten freiwillig zu uns. Da ist null Problembewusstsein. Das ändert sich radikal, wenn der Führerschein weg ist.“

Neumünsters Jugendschutzbeauftragter Andreas Leimbach geht mit dem Polizist Marco Rose vorbeugend in Schulen. „Ich bin gegen eine Legalisierung von Cannabis. Ob es erlaubt oder verboten ist, die körperlichen und psychischen Folgen sind da“, sagt Leimbach und warnt auch vor legalen so genannten Kräutermischungen: „Auch die sind brandgefährlich. Die Gesetzgebung hängt hier hinterher.“

Kommentar von Susanne Otto:

Balanceakt für Eltern

Die meisten junge Leute wissen genau, wo man Drogen bekommen kann. Meistens in der Schule, an der nächsten Ecke oder über den Freund, der Mutti und Vati immer so nett grüßt. Ob dieses Wissen genutzt und dann auch etwas konsumiert wird, ist die andere Frage.

 Das Wohl der Kinder ist für Eltern das höchste Gut. Darum wird keine Mutter und kein Vater,  kein Verwandter oder Freund  es ignorieren, wenn er Anzeichen für einen Drogenkonsum beim Nachwuchs erkennt. Doch  es ist nicht leicht, die   Signale  eindeutig auszumachen.   Und  wann ist der rechte Zeitpunkt, sich das Kind vorzuknöpfen, wenn Vati doch selbst in der Jugend auch mal eine Tüte geraucht hat?

 „Mutti, du kannst mich nicht immer beschützen!“ Das musste ich mir auch schon manches Mal sagen lassen, und es stimmt. Auf der anderen Seite kann man versuchen, den Kindern unterschwellig  die Augen  für die Gefahren zu öffnen – in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibt. Schließlich wird die Qualität der Drogen immer heftiger. Einmaliger Konsum kann schon schädigen. Insofern ist es wichtig, dass alle, die mit jungen Menschen zu tun haben,   sie sensibilisieren, ein Auge auf sie haben und wissen, dass es Suchtberatungsstellen  und  Informationen wie  „Quit the Shit“ im Internet gibt.

Dennoch: Erziehung bleibt ein Balanceakt zwischen Vertrauen und Verantwortung. Das kann keiner den Eltern  abnehmen.


 

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erstellt am 07.Aug.2015 | 08:15 Uhr

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