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Draußen vor der Tür: So kraftvoll wie vor 70 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Wolfgang Borcherts dramatische Anklage gegen den Krieg ist so aktuell wie eh und je / Landestheater präsentierte eine starke Inszenierung

Am Dienstagabend gastierte das Landestheater mit Wolfgang Borcherts einzigem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ im Theater in der Stadthalle und zog das Publikum mit einer gut nachvollziehbaren, sehr intensiven Inszenierung in seinen Bann. Die Aufführung bestätigte, dass das Werk fast 70 Jahre nach seinem Erscheinen nichts von seiner Aussagekraft verloren hat.

Als im Februar 1947 das Hörspiel „Draußen vor der Tür“ erstmals gesendet wurde, da fühlte sich eine ganze Generation unmittelbar verstanden. Verstanden von einem jungen Mann, der 1946 nach sechs Jahren Krieg und Gefangenschaft nach Hamburg zurückkehrte und seine Stadt nicht wiedererkannte, der ein Deutschland vorfand, in dem sich die Menschen in dem beginnenden Aufschwung schon wieder häuslich eingerichtet hatten, und der auf keine seiner existenziellen Fragen eine Antwort bekam.

Wolfgang Borchert verstarb mit 26 Jahren am 20. November 1947, einen Tag vor der Uraufführung seines Stückes in den Hamburger Kammerspielen, an einem kriegsbedingten Leberleiden. Er wurde zum Sprecher einer sprachlos gewordenen Generation, zum „Jedermann des Zweiten Weltkrieges“ (Walter Jens). Borchert gab „Draußen vor der Tür“ den Untertitel „Ein Stück, das kein Theater spielen, kein Publikum sehen will“.

Er hatte nicht Recht, denn bis auf den heutigen Tag blieb das Stück in immer neuen Interpretationsansätzen im Repertoire. Auch wenn der Text leicht expressionistisch und symbolisch überhöht, larmoyant und gefühlig klingt, machte die Inszenierung des Landestheaters deutlich, dass er sich vor allem durch große Ehrlichkeit und tiefe Verzweiflung auszeichnet und viele Assoziationsmöglichkeiten bietet.

Um Gegenwärtiges im Vergangenen erkennen zu können, bedarf es keiner Aktualisierung. Diesem Regiekonzept folgte Wolfram Apprich, der in einer angemessenen und geschickten Fassung 80 Minuten konzentriertes Theater bot. Er stellte Beckmann ganz in den Mittelpunkt und verfünffachte ihn.

In grauen Uniformen, mit Gasmaskenbrillen, vor einer feldgrauen Rückwand treten fünf Männer aus einer Nebelwand auf die Bühne. Hinter jedem fällt lautmalerisch die Tür zu – sowohl in der Anfangs- wie in der Schlussszene. Die Männer wirken lethargisch, erschöpft und minutenlang auch sprachlos – eine Situation, die auch dem Publikum einiges abverlangte. Allmählich beginnen sie sie sprechen: zunächst stockend, unsicher, dann präziser, dynamischer, hochemotional, oft in strengen Rhythmen. Uwe Kramer, Johannes Lachenmeier, Daniel Ratthei, René Rollin und Christian Simon sind alle hervorragende Beckmänner; sie sind aber auch - in wechselnden Konstellationen – die Figuren, denen Beckmann real und in seinen Alpträumen begegnet: zum Beispiel sein optimistisches alter Ego, der Oberst, dem er die Verantwortung zurückgeben will; Frau Kramer, die ihm so lieblos vom Selbstmord seiner Eltern berichtet; der Gott, an den keiner mehr glaubt; der überforderte Tod; der mutlose Kabarettdirektor; das Mädchen, das ihn „Fisch“ nennt; die Elbe, zu der es ihn so mächtig hinzieht.

Einen wesentlichen Anteil an der Atmosphäre hatte der dem Stück unterlegte interpretierende Sound (Christoph Coburger).

Das sehr aufmerksame Publikum bedankte sich mit sehr starkem Applaus bei den Schauspielern.















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erstellt am 22.Apr.2015 | 19:42 Uhr

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