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Theater : Don Karlos: Gefangen in verbotenen Gefühlen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2014 | 18:37 Uhr

Neumünster | „Don Karlos“ auf der Bühne, Friedrich Schillers leidenschaftlichste und komplexeste dramatische Dichtung, das ist immer ein Erlebnis. Am Donnerstagabend wollten leider nur 200 Zuschauer (Ferienzeit?!) im Theater in der Stadthalle daran teilhaben.

Vielversprechend war der Auftakt der Aufführung der Kempf-Theatergastspiele: Ein junger Mann liegt verkrümmt auf dem Boden und wird von Alpträumen heimgesucht, personifiziert durch schwarze Gestalten, die mit Satzfetzen auf ihn eindringen. Der junge unglückliche Mann ist Don Karlos, der Infant von Spanien, der keinen Ausweg sieht aus dem Dilemma zwischen der Liebe zu seiner Stiefmutter Elisabeth (die einst seine Braut war) und der Loyalität zum Staate, verkörpert in seinem Vater König Philipp II.

Mit diesem gelungenen Kunstgriff zeigte Christoph Brück die Tendenz seiner Inszenierung an, denn wie jeder Regisseur musste auch er sich entscheiden, ob er mehr den politisch-weltanschaulichen Aspekt oder das menschlichen Beziehungsgeflecht in den Mittelpunkt stellte wollte.

Insgesamt gut interpretierten Brück und das Ensemble Schillers getriebene Menschen, die sich in den Fallstricken der Verhältnisse und ihren eigenen Gefühlen verfangen, die lieben, wo sie nicht sollen, die kämpfen, wo sie keine Chance haben.

Letztlich bleibt, jeder auf seine Art, allein – oder ist tot. Selbst die Täter, die die Macht in den Händen halten, werden zu Gefangenen ihres Systems, überwacht von der allgegenwärtigen Kirche – personifiziert in Pater Domingo und Großinquisitor, die Jörg Reimers beide eindrucksvoll spielte. Als Anknüpfung an die Gegenwart versuchte Claudia Weinhart einen Stilmix aus historischem und modernen Kostümen. Manche Outfits wirkten gelungen, einige lächerlich, andere fade und blass.

Überzeugen konnte das Bühnenbild, das ausreichend Möglichkeiten bot, um die zahlreichen Vorzimmer zu simulieren, die auf dem Weg ins Innere der Macht zu überwinden waren.

„Don Karlos“ (Uraufführung am 29. August 1787 in Hamburg) spielt zwar am spanischen Hofe Philipps II., doch Schillers eigene Erfahrungen am Hofe des despotischen Karl Eugen von Württemberg, die Vorahnungen der Französischen Revolution machten das Drama erst zu einem Manifest der Menschenrechte, der „Gedankenfreiheit“, das heute noch begeistern kann. Das Ensemble war relativ gut aufeinander eingespielt, doch die Möglichkeiten zur fesselnden Darstellung waren unterschiedlich verteilt. Besonders eindringlich: Julian Weigend als Marquis Posa, Freund des Karlos und Aufklärer, der sich selbst in Hof- und Politintrigen verfängt, und Wolfgang Grindemann als innerlich und äußerlich erstarrter, dennoch nuancenreicher König Philipp. Angemessen waren die Darstellungen von Sarah-Jane Janson als verzweifelt aufbegehrende Elisabeth und von Manuel Klein als naiver Carlos ohne inneren Kompass. Etwas neben der Spur wirkte die Darstellung der Prinzessin Eboli (Christa Pasch), die sich nicht recht in die Gesamtinszenierung fügen wollte. Das Publikum bedachte alle Schauspieler mit herzlichen Beifall.





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