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Gerichtsbericht : Disko-Streit: Messerschnitte durchs Gesicht

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Gestern verhandelte das Schöffengericht die gefährliche Körperverletzung.

shz.de von
erstellt am 17.Dez.2015 | 17:18 Uhr

Neumünster | Es sollte ein lustiger Abend mit Freunden werden. Doch für den jungen Mann endete die Disko-Nacht in einer Katastrophe. Bei einem Streit wurde er durch mehrere Messerstiche im Gesicht schwer verletzt. Nach gut vier Jahren wurde die Sache gestern vor dem Schöffengericht als gefährliche Körperverletzung verhandelt. Grund für die lange Dauer: Der Angeklagte (28) war kurz nach der blutigen Auseinandersetzung von der Bildfläche verschwunden, erst in die Türkei, später lebte er ohne Meldeadresse wieder in Deutschland.

Laut Anklage soll der Neumünsteraner mit türkischem Pass am 4. Dezember 2011 gegen 5.45 Uhr vor der ehemaligen Diskothek Sky an der Baeyerstraße mit seinem Bruder in Streit geraten sein. Offenbar hatte er reichlich Alkohol getrunken.

Zur gleichen Zeit verließ das spätere Opfer (29) – nach eigenen Angaben ebenfalls „gut angeheitert“ – mit mehreren Freunden die Disko, um den Heimweg anzutreten. Als der junge Mann die Auseinandersetzung der Brüder bemerkte, rief er: „Beruhigt Euch!“ Wenig später soll ihn der Angeklagte unvermittelt ins Gesicht geschlagen haben. Dann lief er davon. Wütend sei der Geprügelte hinterher gerannt. Doch plötzlich zog der Gegner in einer dunklen Ecke ein Messer und schnitt ihm drei Mal durch das Gesicht. Dabei durchtrennte er unter anderem die Oberlippe bis zur Nase. Ein Freund des Opfers wurde leicht an der Hand verletzt, als er den blutenden Kumpel aus der Gefahrenzone fortziehen wollte. Einem anderen Bekannten, der eingriff, zerschnitt der Mann mit dem Messer die dicke Winterjacke sowie die Hose und verletzte ihn leicht am Bein. Dann sprang er in ein Taxi und entkam vorerst.

Gestern bestätigte der Mann die Vorwürfe der Staatsanwältin. Er betonte jedoch: „Ich wurde auch beschimpft. Und das war eine ganze Gruppe. Da habe ich Panik bekommen, musste mich verteidigen.“

Das Opfer wird die Folgen der laut Staatsanwaltschaft „potenziell lebensbedrohlichen Verletzungen“ ein Leben lang spüren. Die Narben im Gesicht sind auch nach langen Krankenhausaufenthalten noch deutlich sichtbar. Mit einem Bart versucht der junge Mann, der als Zeuge vor Gericht aussagte, die Blessuren zu verdecken. „Ich habe ein Taubheitsgefühl in der Oberlippe. Essen geht wieder. Nur aus Glasflaschen kann ich nicht gut trinken“, sagt der Kfz-Mechatroniker. Er würde die Narben gern vom Schönheitschirurgen operieren lassen. Doch der Eingriff ist teuer.

Der Angeklagte, der sich bisher ohne Ausbildung hier und da mit verschiedenen kleinen Läden durchschlug, wird ihm die OP auch kaum zahlen können. Seit August sitzt der Mann wegen einer anderen alten Sache in Haft.

Weil er sich in den vergangenen vier Jahren jedoch nichts mehr zu schulden kommen ließ, die Tat komplett zugab und auch bereut, kam der Mann gestern nach einem Rechtsgespräch zwischen allen Prozessbeteiligten mit einer Haftstrafe von anderthalb Jahren, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde, davon. Das Gericht beschränkte sich dabei quasi auf den Hauptteil der Tat. Außerdem stellte es dem Angeklagten einen Bewährungshelfer zur Seite.

In seiner Begründung betonte der Richter trotz des milden Urteils noch einmal die „Kaltblütigkeit und Verrohung“, die die Schnitte ins Gesicht deutlich zeigen würden. „Hätten Sie bereits 2012 hier gesessen, hätte ich über Bewährung nicht diskutiert“, stellte der Jurist klar. Außerdem kritisierte er die zahlreichen Vorstrafen des Neumünsteraners, die aber alle lange zurückliegen. „Sie haben ein bewegtes Leben vorzuweisen – immer auch mit Gewalt“, betonte der Richter.

Freunde des Opfers, die den Prozess im Saal verfolgten, mochten das Urteil nicht akzeptieren. „Bewährung? Das ist doch noch ein Schlag ins Gesicht“, beschwerte sich ein Mann lautstark.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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