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Helfer in Not : Die Tafel ist am Ende ihrer Möglichkeiten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Aufnahmestopp vom Mai dieses Jahres muss weiterhin aufrecht erhalten werden. Die Flüchtlingswelle könnte die Lage weiter zuspitzen.

von
erstellt am 06.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Neumünster | Der Aufnahmestopp bei der  Tafel dauert jetzt seit Monaten an. Im Mai musste er wegen fehlender Kapazitäten ausgesprochen werden. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Zusätzlich zur stetig wachsenden Zahl von einheimischen Klienten verschärft mittlerweile auch die Nachfrage von Flüchtlingen die Situation.

Tafel-Leiterin Christina Arpe (39)  und ihr Team aus  62 ehrenamtlichen Helfern schauen  derzeit nicht sehr optimistisch in die Zukunft. Immer wieder müssen sie Bedürftige jeden Alters und jeder Herkunft abweisen, die   mit großen Hoffnungen bei ihnen vor der Tür stehen, oft sogar von Ämtern oder anderen Hilfsorganisationen geschickt wurden.  „Das ist schon hart, wenn sie eine  alte Dame, deren Mini-Rente vorn und hinten nicht reicht, wieder wegschicken müssen“,  erzählt Christina Arpe.  Oft haben die Abgewiesenen dann Tränen in den Augen. Aber manchmal werden die Tafel-Helfer auch wüst beschimpft, wenn sie nichts herausgeben können. Doch Christina Arpe und ihr Team  fahren eine klare Linie: „Wir haben 3500 Kunden, alles Hartz-IV-Familien mit Kindern, ältere Menschen, junge Leute aus aller Herren Länder. Aber mehr geht einfach nicht“, beschreibt die Tafel-Chefin die Misere.  Und sie ist überzeugt: „Man muss auch Nein sagen dürfen, wenn die Kapazitäten erschöpft sind“ – und das sind sie bei der Tafel auf mehreren Ebenen.

Zum einen arbeiten die Helfer, auch wenn das Team  mittlerweile gewachsen ist, bei den hohen Zahlen am Limit. „Ich habe da auch eine Fürsorgepflicht“, begründet Christina Arpe den Aufnahmestopp. Außerdem wollen die Tafel-Mitarbeiter effektiv helfen. „Da nützt es nichts, wenn jeder nur  einen Apfel bekommt“, sagt Reinhard Beneke (60), der zweite Vorsitzende.   Schwierig ist auch der eher unstete Spendenfluss.   Die Geldspenden gehen seit Jahren zurück – nur zur Weihnachtszeit steigen sie plötzlich für wenige Wochen wieder. „Da können wir dann eine ganze Weile  über die Runden kommen“, so Christina Arpe. Doch auch die Nahrungsmittelspenden sind nicht zu kalkulieren.  „Wir müssen momentan auf die Lieferungen von zwei Märkten verzichten: Lidl am Ilsahl wurde geschlossen, Lidl am Stover baut um“, berichtet die Leiterin.  Kleiderspenden sind zurzeit auch eher Mangelware.  Viele Neumünsteraner geben ihre gebrauchten Sachen nach den Aufrufen eher zur Flüchtlingshilfe.

Sobald Neumünster  auf Dauer  Flüchtlinge auch jenseits der Erstaufnahme am Haart unterbringen muss, wird das Problem für die Tafel an der Kieler Straße  aller Wahrscheinlichkeit noch wachsen.  Schon jetzt gibt das Team  manchmal Ware auf Bitten an Tafeln nach Bad Bramstedt (Kreis Segeberg)  oder Ahrensbök (Ostholstein) ab, wenn  es irgendwie geht. Denn diese Standorte  werden bereits von Flüchtlingen    überlaufen. Auch die  Neumünsteraner mussten  schon    Asylbewerber aus der Erstaufnahmestelle abweisen. „Die bekommen dort eine Vollversorgung. Da sind wir nicht zuständig“, sagt die Tafel-Chefin. 

Christina Arpe  ist jetzt seit  16 Jahren bei der Tafel aktiv und hat dort manche Krise gemeistert. Doch mittlerweile hat sich die Lage ihrer Meinung nach besorgniserregend zugespitzt.  Sie klingt resigniert, wenn sie sagt: „Wenn ich gewusst hätte, wie sich das entwickelt – ich weiß nicht, ob ich diese Aufgabe   jemals angepackt hätte.“

Kommentar:

Eine wichtige Reißleine wurde gezogen

Mit dem Aufnahmestopp hat die Tafel-Leitung die Reißleine gezogen. Und das ist sehr  gut so. Zwar blutet den Ehrenamtlern oft das Herz, wenn sie  Kunden abweisen müssen. Denn hinter den Bitten um Nahrung stehen  durchaus schwere Schicksale und Ungerechtigkeiten des Lebens. Dennoch: Die Helfer können auch nur begrenzt einspringen und Lücken stopfen. Insbesondere wenn die Bedürfnisse  vieler  Flüchtlinge auch bald in Neumünster dazu kommen, sind die Politik und gesamte Gesellschaft gefragt.

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