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Fragen an den Künstler : Die Stimme des Schimmelreiters

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Hamburger Soulmusiker Stefan Gwildis bringt Theodor Storms Novelle auf die Bühne.

von
erstellt am 12.Okt.2017 | 10:00 Uhr

Neumünster | Wenn Stefan Gwildis (59) zum Mikrofon greift, singt er normalerweise. Jetzt liest er. Der Hamburger Soulmusiker hat sich anlässlich des 200. Geburtstages des Dichters Theodor Storm dessen berühmtestes Werk „Der Schimmelreiter“ (1888) vorgenommen und vertont. Die von Sonja Valentin überarbeitete und auf 80 Minuten gekürzte Fassung hat er nicht nur als Hörbuch eingesprochen, Gwildis bringt die Novelle um den Deichgrafen Hauke Haien auch auf die Bühne – als Lesung mit Musik. Im Rahmen seiner Tour durch Norddeutschland macht er auch in Neumünster und Kiel Station. Was Gwildis an der Geschichte so fasziniert, warum sich die Vertonung schwieriger gestaltete als gedacht und welche ganz persönlichen Parallelen er zu Storms Protagonisten zieht, verrät er im Interview.

Ein Jazzmusiker als Vorleser – wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Gwildis: Vor zwei Jahren sprachen Sonja Valentin und ich über die wunderschöne norddeutsche Saga. Die Geschichte hat alle Zutaten, die eine Saga braucht. Da dachte ich mir, ich als Nordlicht kann die neu erzählen. Sonja Valentin hat das Buch dann überarbeitet und gekürzt – die Wenigsten hören sich die kompletten dreieinhalb Stunden an. Den Rahmen haben wir weggelassen und nur die Geschichte um den Deichgrafen Hauke Haien erzählt. So wird es auch für jüngere Leute interessant.

Hat Sie die Novelle denn als junger Mensch begeistert?

Ich habe den Schimmelreiter schon in der Schule gelesen. Die Sprache war mir fremd, ich fand das Buch sperrig. Aber meine Sicht hat sich verändert: Ich finde spannend, wie Storms Sprache wirkt, deshalb ist die Sprache auch so geblieben wie vor 140 Jahren. Das Geheimnis ist, es so zu lesen wie damals Ulrich Wildgruber Shakespeare: Den Text ganz normal sprechen, dann funktioniert es. Der Charakter Hauke Haien gefiel mir aber schon damals gut.

Inwiefern?

Er ist ein spannender Bursche, sehr eigen, der sich von seinen Intuitionen leiten lässt. Das fand ich spannend, ich war 16 oder 17 Jahre alt, eine Zeit, in der man sich positioniert. Da fasziniert eine Figur, die sich auflehnt. Er ist ein Visionär, ein Forscher. Storm baute ihn als Freigeist auf – konnte das aber nicht zulassen. Er musste ihn untergehen lassen. Ich sehe Hauke als positive Figur: Seine Frau Elke ist unglücklich mit dem behinderten Kind, sieht in Wienke den Teufel, er aber liebt seine Tochter allem Reden der Dorfbewohner zum Trotz, liebt, wie sie ihre kleinen Ärmchen um ihn schlingt. Den Aspekt finde ich heute ganz spannend, es gibt viele Situationen, in denen viel zu schnell der Entschluss fällt, abzutreiben – bei der Diagnose Down-Syndrom beispielsweise. Das Thema hatte ich auch mit meiner Frau, als sie schwanger war.

War das Lesen eine große Herausforderung für Sie?

Ja, ich ziehe den Hut vor Leuten, die das so weglesen. Übermütig wie ich bin, habe ich gedacht: um zwei Uhr Treffen im Studio, um fünf Uhr sind wir durch. Aber um fünf Uhr war ich gerade mal auf Seite 2. Es hat drei Anläufe gebraucht bis es mir gefiel. Die Arbeit ist wie ein guter Song, Sprechen und Singen haben eine ähnliche Rhythmik.

Ich habe gelesen, dass Sie dem Geschehen mit Ihrer Lesung sogar komische Facetten abringen. Wie geht das mit der unheimlichen Geschichte in Einklang?

Der unterhaltende Aspekt funktioniert über die Leute im Dorf. Da kann man dem Affen ordentlich Zucker geben und die Charaktere nordisch unterstreichen. Wie sich die zwei Knechte unterhalten – das ist ein gefundenes Fressen. Da wird es komisch, weil es die Situation zulässt. Ansonsten hat die Geschichte eine unglaubliche Dramatik. Ich habe oft erlebt, dass Leute aus dem Publikum mit Tränen in den Augen da saßen als es an den Untergang ging. Wenn man so einen schweren Stoff liest, muss man auch mal was weglachen können. Dann wirkt der Untergang um so schärfer. Der Weg dahin ist wichtig. Man muss es live erleben. Es geht ordentlich zur Sache.

Ein bisschen Musiker sind Sie aber auch in diesem Projekt...

Vor und nach der Lesung gibt es auch ein paar Lieder von mir. Außerdem unterstreichen Tobias Neumann und Hagen Kuhr die Atmosphäre des Werkes an ihren Instrumenten mit einem Walzer, den ich eigens komponiert habe. Er unterstreicht die Rhythmik der Natur, ein bisschen im Stile eines Schwarz-Weiß-Filmes – für mich ist der Schimmelreiter schwarz weiß.

Wird man Sie nun häufiger als Vorleser erleben?

Es ist großartig, dass ich mit dem Schimmelreiter ein neues Kapitel aufschlagen konnte. Wenn wieder etwas Interessantes ansteht, lese ich ganz bestimmt nochmal. Mein nächstes Projekt ist aber erstmal wieder die Musik, ich arbeite wieder mit den Kieler Philharmonikern zusammen.


>Termine: Gwildis liest Storm. Der Schimmelreiter. Termine: 27. Oktober, 20 Uhr, Kiel , Güterbahnhof; 10. November, Altes Stahlwerk, Neumünster (ausverkauft). Tickets ab 37,25 Euro an allen bekannten Vorverkaufsstellen, bei SH-Tickets, www.eventim.de.

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